Jesus Christus

HANDBUCH ORIENTIERUNG: Religionen, Kirchen, Sekten, Weltanschauungen, Esoterik.

1. Außerbiblische Quellen

Die Zahl der unabhängigen außerbiblischen Quellen, die etwas über Jesus Christus aussagen, ist gering. Der römische Historiker Tacitus erwähnt seine Hinrichtung in Judäa auf Befehl des Statthalters Pontius Pilatus (Tac. Ann. 15,22). Der kurze Bericht des jüdischen Historikers Flavius Josephus über Jesus gilt zwar im Kern als historisch, in seiner positiven Schilderung Jesu jedoch als christlich überarbeitet. Dem Talmud ist außer der Angabe, Jesus sei am Vorabend des Passa nach angemessener Verhandlung als "Zauberer", der "Israel in die Irre führte" (San. 43 a) gehängt worden, nichts Deutliches zu entnehmen. Außerbiblische Quellen belegen somit immerhin, dass Jesus gelebt hat, beim Volk wenigstens zeitweise geschätzt war, hingerichtet wurde und eine grobe Datierung (Pilatus war Statthalter von 26-36 n. Chr.).

2. Christliche Quellen

Außerhalb des Neuen Testaments existieren zahlreiche Berichte über das Leben Jesu in frühchristlichen Schriften (neutestamentliche Apokryphen). Ihr historischer Wert ist im Allgemeinen gering, da sie vielfach legendenhaft sind und / oder gnostische Ansichten verbreiten wollen.

Das apokryphe "Thomas-Evangelium" könnte teilweise eine authentische Überlieferung bewahren. Um Informationen über den historischen Jesus zu erhalten, sind wir fast ausschließlich auf die vier kanonischen Evangelien angewiesen, wobei im übrigen Neuen Testament vereinzelte isolierte Worte Jesu überliefert sind (z. B. Apg 20,35; 1. Kor 11,23-25).

Die vier kanonischen Evangelien wollen mehr als nur eine Biographie Jesu sein. Sie sind Zeugnis früher Christen von Jesus, nicht das Ergebnis distanziert betrachtender Historiker. Sie sind "Werbeschriften" für den Glauben an Jesus Christus, ohne damit ihre historische Zuverlässigkeit zu verlieren. Der Vergleich mit anderen antiken Schriften zeigt, wie sorgfältig die Evangelisten Worte und Taten Jesu bewahrten. Ist auch keine umfassende, exakte Biographie möglich, so lassen sich doch aus den Evangelien zahlreiche Daten erheben. Damit ist sowohl das Bestreben altliberaler Theologie abzuweisen, eine Jesus-Biographie zu verfassen (dieses Bestreben kam durch das Bahn brechende Werk Albert Schweitzers "Von Reimarus zu Wrede", 1906, später unter dem bekannteren Titel "Geschichte der Leben Jesu Forschung" zum Erliegen), als auch die Ansicht Rudolf Bultmanns, dass man außer dem "Dass des Gekommenseins" so gut wie nichts von Jesus wissen könne (z. B. in seinem Buch "Jesus", 1926).

3. Das Leben des Jesus von Nazareth

Das Geburtsdatum Jesu lässt sich nicht genau bestimmen. Er wird kurz vor dem Tode Herodes d. Gr. (4. v. Chr.) geboren. Einzelheiten seiner Geburt enthalten nur das Matthäus- und Lukasevangelium (Mt 1,18-2,18; Lk 1,5-2,40). Während Matthäus sich mehr auf Josef konzentriert, stellt Lukas mehr Maria in den Vordergrund. Jesu Stammbaum führen sowohl Matthäus (Mt 1,1-17) als auch Lukas (Lk 3,23-38) über Josef, obwohl dieser nicht sein (leiblicher) Vater ist, sondern nur dafür gehalten wird (Lk 7,23; 4,22). Übereinstimmung besteht bei Matthäus und Lukas darin, dass Jesus übernatürlicher Herkunft ist, bei der kein menschlicher Vater beteiligt war. Die Jungfrauengeburt ist denn auch zum Kernbestand christlichen Glaubens und Lehre geworden und hat demgemäss Eingang in kirchliche Bekenntnisse gefunden (z. B. >Apostolikum: "... geboren von der Jungfrau Maria ..."). Dabei besagt die Aussage der Jungfrauengeburt etwas zur Art des in die Welt-Kommens des Präexistenten, der seit jeher bei Gott dem Vater ist. Zur übernatürlichen Empfängnis Jesu stehen seine Geburt im Stall in Bethlehem, die Flucht nach Ägypten (Mt 2,13 ff.) und sein Heranwachsen in Nazareth in Kontrast. Außer dem Auftreten des zwölfjährigen Jesus im Tempel (Lk 2,42-50), welches großes Interesse und Begabung an religiösen Angelegenheiten erkennen lässt, ist über ihn und seine Familie den Evangelien wenig zu entnehmen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wächst er in einer überzeugt jüdischen Familie auf (Lk 2,41), die zum "Mittelstand" gehört, aber nicht wohlhabend ist. Josef ist wahrscheinlich bereits während der Jugendjahre Jesu verstorben, so dass davon auszugehen ist, dass Jesus den "väterlichen" Bauhandwerk-Betrieb übernehmen muss und für Maria, seine vier jüngeren (Halb!-)Brüder und eine unbekannte Anzahl (Halb!-)Schwestern zu sorgen hat (Mt 6,3). Seine religiöse Sozialisation erhält er wohl in der Familie und in der dörflichen Synagogenschule Nazareths.

Mit etwa 30 Jahren beginnt Jesus sein öffentliches Wirken (Lk 3,23) einige Jahre nach Johannes dem Täufers, dessen Wirken etwa 28 n. Chr. eingesetzt hatte (Lk 3,1 ff.). Die Wirksamkeit Johannes des Täufers ist der Anlass für den Beginn des Wirkens Jesu, so dass er aus der Verborgenheit von Elternhaus und -betrieb in die Öffentlichkeit heraustritt. Die Taufe Jesu durch Johannes den Täufer, der Jesus als den himmlischen Richter ankündigt (Mt 3,11 f.; Lk. 3,16 ff.), im Jordan (Mk 1,9 ff. parr.) bezeichnet den Beginn seines Wirkens. Die Wirkungszeit Jesu dauert etwa drei Jahre. Wie sein Geburtsdatum, lässt sich auch das Kreuzigungsdatum nicht genau festlegen. Es könnte in der Passazeit des Jahres 33 n. Chr. gewesen sein, da in diesem Jahr nach astronomischer Berechnung das Passfest auf den 14. / 15. Nisan fiel.

Die öffentliche Wirksamkeit Jesu geschieht fast ausschließlich in Palästina und hier wiederum das meiste in Galiläa, vornehmlich am Westufer des Sees Genezareth. Nur einige wenige Male ist er außerhalb Galiläas unterwegs: ein paar Mal zu Festen nach Jerusalem, wie das Johannesevangelium verrät; ein Aufbruch nach Phönizien (Dekapolis), östlich Palästinas wird berichtet (Mk 7,24-31). Ebenfalls wird eine Reise nach Cäsarea Philippi nördlich von Galiläa am Fuße des Hermon-Gebirges geschildert (Mk 8,27 ff. parr.). Ausgerechnet in diesem heidnischen Gebiet spricht Petrus sein Messiasbekenntnis aus (Mk 8,23; Mt 16,16; Lk 9,20).

Als Jesu öffentliche Wirksamkeit beginnt, befindet sich Palästina seit mehr als einem halben Jahrhundert unter römischer Herrschaft. Einheimische Fürsten sind von Roms Gnaden und üben die Herrschaft nur indirekt aus. Auch wenn die römische Herrschaft den unterworfenen Völkern häufig sogar Vorteile bringt, ist sie dennoch nicht beliebt. Bei den Juden z. Zt. Jesu ist es vor allem, dass ihre politische Abhängigkeit, welche ihnen immer wieder durch die Steuerabgaben vor Augen geführt wird, sich nicht mit dem Anspruch verträgt, Gottes Volk zu sein. Galiläa, Heimatprovinz und Hauptwirkungsgebiet Jesu, steht sowohl bei Juden als auch Römern in schlechtem Ansehen. Seine Bevölkerung ist vom jüdischen Stammland durch das feindliche Samaria getrennt und war über lange Zeit großenteils heidnisch, weshalb Galiläa von den judäischen Juden als halb heidnisch betracht wird. Die Römer stufen Galiläa als besonders aufständisch ein. Gesprochen wird in Galiläa Aramäisch, Hebräisch und Griechisch. Ist auch Aramäisch die Muttersprache Jesu, so ist doch davon auszugehen, dass er auch des Hebräischen mächtig ist. Mit den judäischen religiösen Autoritäten hat Jesus möglicherweise Hebräisch diskutiert und gestritten.

Übereinstimmend berichten die vier Evangelien das Herabkommen des Heiligen Geistes auf Jesus bei seiner Taufe. Damit ist Jesus als der vom Propheten Jesaja angesagte Erlöser gekennzeichnet (Jes 11,2; 42,1; 61,1); die Stimme vom Himmel bekennt sich zu ihm als dem Sohn (Mk 1,11 parr.; vgl. Ps 2,7; Jes 42,1). Damit ist messianische Hoffnung des Alten Testaments angesprochen und damit genauso, dass Jesus der Erlöser ist.

Im Anschluss an seine Taufe wird Jesus am Ende seines 40-tägigen Fastens vom Satan in der Wüste in der Nähe der Taufstelle Johannes der Täufers versucht (Mk 1,12 f.; Mt 4,1-11; Lk 4,1-13). Aus dieser Versuchung geht er gestärkt in seiner einzigartigen Stellung als Sohn Gottes hervor, wobei dies nicht die einzige Versuchung bleibt, sondern weitere folgen (Mk 8,31-33; Mt 16,21-23).

Bevor Jesus in Galiläa öffentlich wirkt, tut er dies allem Anschein nach bereits einige Zeit am Jordan und erscheint als zweiter Johannes der Täufer (Joh 3,22; 4,1 f.). Mit der Verhaftung des Täufers verlegt Jesus seinen Wirkungsbereich und ändert seine Wirkweise: er zieht sich in seine Heimat Galiläa zurück, wird Prediger und vollbringt Wunder; vom Taufen hört man nichts mehr.

Dabei bleibt er ohne feste finanzielle Absicherung und ist, samt seinen Jüngern, auch wenn sie eine gemeinsame Kasse haben, auf die Zuwendungen von Gönnern angewiesen (Mt 10,8-11; Lk 8,9; 10,38-42). Damit lebt er vor, was er lehrt, bei materiellen Bedürfnissen auf Gott zu vertrauen (Mt 6,24-34) und hat die Freiheit, als Prediger und Heiler, der zu Beginn seiner Wirksamkeit noch in die Synagogen als Gastprediger eingeladen wird, ungebunden durch Galiläa zu ziehen. Die innige Beziehung Jesu mit dem Vater kommt dadurch wie noch mehr durch das intensive Gebet Jesu zu Gott seinem Vater zum Ausdruck.

Jesus sammelt wie andere jüdische Lehrer auch Schüler / Jünger; manche kommen aus der Jüngerschaft des Johannes. Zwar hört ihm eine beträchtliche Volksmenge zu; diese ist aber überwiegend nicht bereit, in eine verbindliche Nachfolge zu treten. Aus einer größeren Anzahl beruft er zwölf, die willens sind, seinen Lebensstil zu übernehmen. Ihrer Herkunft und Charakter nach sind sie recht verschieden. Sie müssen bereit sein, alles zu verlassen und sogar Verfolgung zu erleiden (Mt 10,16-39). Aus dem Zwölferkreis wählt er wiederum drei als seine engsten Begleiter aus: Petrus, Jakobus, Johannes, was an besonderen Ereignissen deutlich wird.

Zu allen Schichten hat Jesus Kontakt und sogar Mahlgemeinschaft mit (moralisch) zweifelhaften Personen, doch genauso mit gut situierten Kreisen (Lk 7,36; 14,11 ff.). Auch mit Samaritanern verkehrt er (Joh 4,4-42; Lk 17,11-13). Sogar mit Heiden, wenn auch allem Anschein nach selten (Mt 8,5-13; 15,22-28); sie haben jedoch einen Platz in Gottes Heilsplan (Mt 8,11 f.; Lk 4,25-27). Seine Anhängerschaft kommt ebenfalls aus allen Schichten (auch Wohlhabende sind darunter, Josef von Arimathia und Nikodemus, Joh 19,38-42). Gegenüber Armut und Reichtum zeigt sich Jesus unbekümmert und davon unbeeindruckt und erwartet dies von seinen Nachfolgern ebenfalls. Jesus sieht wirkliche Not leiblicher, seelischer und geistlicher Art. Um sie zu beheben kann er auch bestehende Gepflogenheiten übergehen.

Jesu Stellung zum Gesetz und die damit zusammenhängende Auseinandersetzung mit den religiösen Autoritäten seiner Zeit, vor allem den Pharisäern, nimmt einen großen Teil in den Evangelien ein. Dass Jesus, der keine herkömmliche Schriftgelehrtenausbildung besitzt (Joh 7,15) in so manchem von der üblichen Lehre abweicht, führt zu einem leidenschaftlichen Konflikt und schließlich wachsender Feindschaft und trägt endlich zu seinem Todesurteil bei. Bei der Auseinandersetzung geht es an sich nicht um die Autorität des Gesetzes, sondern um die Vollmacht seiner Interpretation. Jesus achtet die Tradition, die sich um das Gesetz gelegt hat, gering, im Gegensatz zu den Theologen seiner Zeit. Autorität ist nur das Alte Testament und er selbst, der von Gott gesandte Sohn. Jesus hebt das Gesetz nicht auf, sondern verschärft es, wie z. B. die sechs Antithesen der Bergpredigt (Mt 5,21-48) zeigen. Da er Grundsätze höher als Einzelgebote bewertet, kann er diese sogar außer Kraft setzen (Mt 5,38 f.).

Sowohl christliche als auch die wenigen nichtchristlichen Quellen belegen die Wundertätigkeit Jesu. Die meisten der in den Evangelien überlieferten Wunder sind Heilungswunder, oft mit Exorzismus. Drei Totenerweckungen werden überliefert (Mk 5,35-43: Tochter des Jairus; Lk 7,11-17: Jüngling zu Nain; Joh 11,1-45: Lazarus). Die Wunder Jesu hinterlassen zumeist den Eindruck der Vollmacht Jesu über körperliche und geistliche Leiden und über Naturgewalten. Meist sind es spontane Wunder aufgrund bedrückender Not. Freilich sind Jesu Wunder Erweis seiner göttlichen Natur, wie dies in der Theologie schon herausgearbeitet wurde, aber sie sind auch Hinweis auf die Besiegung des Bösen und dem proleptischen Beginn des "Reiches Gottes", welches eine entscheidende Botschaft Jesu ist.

Jesus wird als Anstifter zum Aufruhr angeklagt

(Lk 23,2: "...er sei Christus ein König"),

doch von Pilatus davon freigesprochen (Lk 23,13-16). Zwar kommt der Titel "Christus" als Selbstbezeichnung bei ihm nicht vor, aber er spricht vom "Reich Gottes", was offen für nationalistische Missverständnisse ist. Möglicherweise bringt ihm ein solches Missverständnis anfangs begeisterte Anhänger, die meinen, er werde das Land von den Römern befreien. Evtl. wollen sie ihn aufgrund dieses Missverständnisses zu ihrem König machen (Joh 6,14 f.). Als aber bemerkt wird, dass er nicht den Wünschen entspricht und sich politisch nicht vereinnahmen lässt, schlägt die Begeisterung in zunehmende Ablehnung um. Jesus nimmt sich der sozialen Probleme an, doch ist die Sicht mancher Ausleger auf eine politisch revolutionäre Absicht eine unerlaubte Verkürzung, die in den Evangelien keinen Anhaltspunkt hat und deshalb sich selbst richtet. Dass sich für Jesus diese Deutung nicht nahe legt, zeigt seine öffentliche Kritik an der jüdischen Nation seiner Tage. Damit verfallen diese Ausleger in denselben Fehler der Zeitgenossen Jesu, der bis hinein in den Zwölferkreis besteht.

Am ausführlichsten berichten die Evangelien über die letzten Tage Jesu in Jerusalem. Bei seinem letzten Passa in Jerusalem ist sich Jesus voll bewusst, was ihn in Jerusalem erwartet. Er weiß um seinen bevorstehenden Tod am Kreuz (Lk 13,33; 18,31-33). Dass Jesus selbst von seinem Ende überrascht gewesen sei, das haben Ausleger schon vertreten, doch besteht für diese Auslegung kein Anhaltspunkt.

Jesu Einzug in Jerusalem (Mk 11,1-10) ist in Sacharja 9,9 f. angekündigt. Er zeigt Jesu messianischen Anspruch und wird als solcher auch von den Menschen aufgefasst, wenn auch politisch-nationalistisch und damit falsch interpretiert. Danach begeht Jesus mit der Tempelreinigung eine bewusst provozierende Zeichenhandlung (Mk 11,15 f. parr.). Mit seiner Tempelreinigung bringt Jesus seinen messianischen Anspruch zum Ausdruck und sieht sie als Erfüllung alttestamentlicher Prophetie (Mal 3,14; Sach 14,21). Seine letzten Tage in Jerusalem sind von Streitgesprächen mit seinen Gegnern geprägt, die ihm wohl eine Falle stellen wollen, um einen Anhaltspunkt gegen ihn zu finden. Gibt Jesus auch keine ihn eigentlich belastbaren Antworten, so wird dennoch seine Ablehnung der gegenwärtigen jüdischen Führung deutlich.

Wenige Stunden vor seiner Gefangennahme vollzieht Jesus an seinen Jüngern die Fußwaschung (Joh 13,1-20), hält in ihrem Kreis die sog. Abschiedsreden (Joh 13-17) und das letzte Mahl und bezeichnet seinen Verräter. Viel ist darüber gerätselt worden, ob dieses Abendmahl im Rahmen eines Passamahles eingesetzt worden sei oder nicht. Soviel lässt sich wohl dazu sagen: Jesus hat dieses Mahl im Voraus geplant (Mk 14,12-16); es handelt sich um ein vorgezogenes Passamahl, das, wie dies möglich war, einen Tag vor dem offiziellen Passatermin gefeiert wurde, da es am darauf folgenden Tag zu spät gewesen wäre. Doch das Passmahl findet während der Feier durch Jesus eine Umdeutung. Durch das Austeilen von Brot und Wein und die Deuteworte verdeutlicht Jesus, sein kurz bevorstehender Tod sei eine Tat der Erlösung. Während der Einsetzung des Abendmahls nimmt Jesus den vom Propheten Jeremia verheißenen "Neuen Bund" (Jer 31,31-34) auf, der den Alten Bund vom Sinai ablösen wird. Dieser "Neue Bund" wird durch Jesu Opfertod aufgerichtet; mit ihm beginnt ein neues Zeitalter.

In aller Heimlichkeit soll Jesus gefangen genommen werden. Durch Judas, der weiß, dass er sich im Garten Gethsemane am Ölberg aufhält, wird er verraten. Obwohl Jesus gekonnt hätte, widersetzt er ich der Gefangennahme nicht, da er die Gewissheit hat, dass es der Wille seines Vaters ist, dass er sein Leben hingebe zur Erlösung für viele (Mk 10,45). Leicht fällt ihm dies nicht, aber sein Gehorsam reicht "bis zum Tode an Kreuz" (Phil 2,8), und er lebt bis zur äußersten Konsequenz vor, was er im Vaterunser zu beten gelehrt hat: dein Wille geschehe.

Noch während der Nacht findet der Prozess Jesu statt. Dabei wird ein wohl erstes, inoffizielles Verhör vor Hannas durchgeführt worden sein, das jedoch ergebnislos verläuft (Joh 18,12-23). Anschließend dürften zwei Vernehmungen vor Kaiphas folgen. Die erste, noch in der Nacht, ist vorläufig und soll Ergebnisse bringen, die dann in einer anschließenden Vernehmung von dem gesamten Hohen Rat in den frühen Morgenstunden bestätigt werden sollen. Jesus ist wegen Gotteslästerung angeklagt, aller Wahrscheinlichkeit nach wegen des Messiastitels und der Anspielung auf und damit Inanspruchnahme von Psalm 110,1 und Daniel 7,13. Nach jüdischem Gesetz ist Gotteslästerung mit dem Tode zu bestrafen; für das römische Recht ist dies kein Anklagegrund. Pilatus kommt zur Überzeugung, dass Jesus kein politischer Revolutionär und die Anklage aufgebauscht ist. Den jüdischen Untertanen gegenüber empfindet er Abneigung. Dennoch gelingt es ihm nicht, sich der Angelegenheit zu entledigen; so übergibt er, obwohl von Jesu Unschuld überzeugt, diesen nach der Geißelung zur Kreuzigung, der Todesstrafe für kriminelle Sklaven oder gegen die römische Staatsmacht Aufsässige. Vermutlich handelt Pilatus aufgrund für ihn ungünstiger politischer Umstände so. Historisch betrachtet mag man darüber rätseln, wer die größere Schuld an der Hinrichtung Jesu hat, Juden oder Römer und meist wird den Juden mehr Schuld gegeben; theologisches Urteil kann sich nicht damit zufrieden geben und kann nicht in dieser distanzierten Betrachtungsweise, die mich ja freispräche, verharren, sondern kann nur sagen, Jesus ist "um unserer Sünde willen" gekreuzigt worden (Röm 4,25) – gerade auch um meiner.

Wie Jesus sein Todesleiden am Kreuz erträgt, überzeugt mindestens zwei: den einen mit gekreuzigten Verbrecher (Lk 23,40-42) und den Hauptmann (Mk 15,39), während eine nicht geringe Menge ihren Spott daran hat. Jesus bittet auch für diese beim Vater um Vergebung. Sein Tod geschieht zur Sühne der Schuld aller. Seine sieben Worte am Kreuz sind Ausdruck von Vergebung und Sorge um andere. Über Jesus entlädt sich nicht ein blindwütendes unausweichliches Schicksal, welchem er unterlegen wäre, sondern das geschieht nach Gottes Plan, in welchen er eingewilligt hat, so dass er trotz allem Herr des Geschehens bleibt. Sein letztes Wort nach dem Johannesevangelium zeigt dies: "Es ist vollbracht" (19,30). Dass Jesus in einem Felsengrab in unmittelbarer Nähe der Kreuzigungsstätte, das dem Ratsherrn Josef von Arimathia gehört, bestattet wird, zeigt, wie sich bis zuletzt auch Einflussreiche zu ihm halten. In aller Regel bleiben Gekreuzigte unbestattet.

Wie Jesu Passion in allen vier Evangelien gut bezeugt ist, so auch seine Auferstehung, besser:

Begebenheiten um seine Auferstehung und Erscheinungen vor seinen Jüngern und auch einem weit größeren Kreis. Denn Jesu Auferstehung ist zwar ein historisches Ereignis (die Wachen fallen in Ohnmacht, vgl. Mt 28,4). Wie bei einem Rad, bei welchem die Speichen auf die Nabe zulaufen, diese aber nur ein Loch ist, so bleibt auch die Auferstehung selbst unsichtbar. Alle vier Evangelien bezeugen das Auffinden des leeren Grabes am ersten Tag der Woche (Sonntag nach Karfreitag), so dass das leere Grab historisch nicht anfechtbar ist und auch die Auffassung, Jesus sei nicht leiblich auferstanden, die immer wieder vertreten wird, allein schon aufgrund der Textüberlieferung und nahe liegender -interpretation nicht vertretbar ist. Eine nicht leibliche Auferstehung ist zumindest im jüdischen Umfeld, in das sie und ihre Bezeugung hineingehört, nicht vorstellbar. Der leiblich auferstandene Jesus, der bereits den Geistleib trägt, ist, wie dies die vier Evangelien und Paulus (1. Kor 15) bezeugen, bei unterschiedlichen Anlässen, meist nicht vorhergesehen, Einzelpersonen oder auch ganzen Gruppen ("500 Brüdern auf ein Mal", 1. Kor 15,6) erschienen. Diese elf verschiedenen Erscheinungen einfach als Halluzinationen zu werten, ist nicht haltbar. Es sind wirkliche Erscheinungen Jesu vor den Jüngern, der allerdings nicht mehr an die räumlich-zeitlichen Bedingungen unserer Welt gebunden ist, aber doch als Mensch erscheint und auch von seinen Nächsten nicht erkannt werden kann (Maria von Magdala hält den Auferstandenen zunächst für einen Gärtner, Joh 20,15).

Vierzig Tage dauern diese Erscheinungen an. Im Unterschied zur Situation vor seiner Kreuzigung lebt Jesus während dieser Zeit nicht mehr mit seinen Jüngern zusammen. Sie haben jedoch die Gewissheit seiner Auferstehung. Er verheißt ihnen seinen Heiligen Geist (davon hat er auch schon in seinen Abschiedsreden kurz vor seiner Gefangennahme gesprochen, Joh 16,7 ff.). Dieser Geist führt als der Christus praesens sein Werk fort. In ihm ist er bei ihnen (Mt 28,18-20). Jesus selbst kehrt zu seinem Vater zurück (Apg 1,9-11) und hat Teil an dessen Herrschaft in universeller Weise.

4. Jesu Botschaft vom Reich Gottes

Formal lehrt Jesus ähnlich den jüdischen Lehrern und doch ist die Wirkung seiner Lehre eine ganz andere, was das Volk am Ende der Bergpredigt deutlich merkt, das sich "über seine Lehre" "entsetzte"; "denn er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten" (Mt 7,28b.29). Seine Lehre ergibt sich aus Begegnungen und bestimmten Situationen und ist deshalb auch immer lebensnah. Dabei benutzt er einprägsame Formulierungen und Gleichnisse und erklärt anschaulich; dieser Anschaulichkeit dienen auch Zeichenhandlungen.

Autorität für Jesus und seine Lehre ist das Alte Testament. Deshalb benutzt er es in Streitgesprächen als letztgültige Autorität. In seinen überlieferten Worten in den Evangelien ist das Alte Testament mehr als 40 Mal wörtlich zitiert, etwa 60 Anspielungen gibt es und mehr als 100 weitere mögliche Anklänge an das Alte Testament. Jesus sieht in seiner Sendung Erfüllung des Alten Testaments. Sein Kommen bedeutet erfüllte Zeit. Er beginnt sein Werk in Galiläa mit: "Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes herbeigekommen" (Mk 1,15). Damit ist die Zeit des Messias gekommen. Zwar benutzt er selbst für sich den Titel Messias nicht, und doch sind sein Anspruch, sein Reden und Handeln die des Messias. Auf die Frage Johannes des Täufers, ob er der sei, der kommen solle, antwortet er (Mt 11,2-6) mit Hinweis auf die Zeichen, die nach dem Alten Testament mit dem Messias in Verbindung gebracht werden (Jes 35,5 f.; 61,1). Mit Jesu Kommen beginnt ein neues Zeitalter. Das Alte Testament weist auf ihn voraus. Er bringt die Erwartung zur Erfüllung.

Dass mit Jesus ein neues Zeitalter beginnt, wird besonders in seiner Lehre vom Reich deutlich. Dieses Reich ist schon da und andererseits liegt es auch noch in der Zukunft. Mit dem Begriff ist die Souveränität Gottes ausgedrückt, der zwar immer herrscht, dessen Herrschaft aber vom Menschen abgelehnt wird. Das Kommen des Reiches Gottes betrifft zunächst Einzelne, die Jesus anerkennen und damit ein Sohnesverhältnis mit dem Vater bekommen, ihn als "unser Vater im Himmel" (Mt 6,9) und "Abba" (Röm 8,15) anreden können. Diese kommen in das Reich Gottes hinein oder empfangen es (Mk 10,15.23-25: Lk 12,31; 16,16). Da wird Gottes Herrschaft bereits aufgerichtet. Am Ende der Zeit wird das Reich Gottes mit Kraft kommen (Mk 9,1; Mt 6,10; Lk 19,18; 22,18). In der Zeit zwischen Jesu irdischem Dasein und seiner >Wiederkunft lebt seine Gemeinde in dem spannungsvollen Zustand des "schon jetzt" und "noch nicht" (Oscar Cullmann). Für diese Zwischenzeit gilt keine Beliebigkeitsethik, auch wenn der Botschaft Jesu keine vollständigen Anweisungen entnommen werden können. Für eine Gesellschaftsreform hat er keine direkten Anweisungen. Auch wenn er in einzelnen Fällen über herkömmliche Gepflogenheiten hinweggehen kann, so bedeuten seine ethischen Weisungen eine Verschärfung (siehe Bergpredigt). Seine Ethik ist vom Doppelgebot der Liebe bestimmt (Mk 12,30 f.; Mt 22,37 f.; Lk 10,27) das sich aus dem Alten Testament ergibt (5. Mose 6,5; 3. Mose 19,18) und am Heil und Wohl des Nächsten orientiert ist und damit gerade nicht gesetzlos wird. Sie gilt bei Jesu Nachfolgern.

Jesu Selbstverständnis entspricht, dass er das Reich Gottes heraufführt. Dieses ist das Werk des Messias. Er versteht sich selbst als der Messias; auch wenn er diesen Titel nicht benutzt, so widerspricht er nicht, wenn er so bezeichnet wird. Aber sein Verständnis des Messias ist ein anderes als das, welches sich landläufig damit verbindet. Es geht bei ihm nicht um Herrschen, sondern um Dienen, Leiden und Sterben. Dies ist auch das durchgehende Thema seiner Lehre, wobei er immer wieder darauf verweist, dass dies so geschehen müsse, weil es im Alten Testament geschrieben stehe (z. B. Jes 53). Jesus ist sich dessen gewiss, dass er "sein Leben gebe als Lösegeld für viele" (Mk 10,45) und sein Blut "vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden" (Mt 26,28). Mit seinem Tod bringt Jesus das letztgültige Opfer, das Vergebung der Sünden bewirkt und die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch wiederherstellt.

Jesu Sendung und Botschaft vom Reich Gottes beinhalten auch die Sammlung seiner Gemeinde / Kirche. Zu seiner Gemeinde / Kirche gehören die, die durch Jesu Erlösungstat Zugang zum Reich Gottes erlangt haben. Zwar beschränkt sich während des irdischen Lebens diese Gemeinschaft auf seine Jünger, erfährt aber nach seiner Himmelfahrt eine alle Grenzen überspringende Ausdehnung (vgl. Missionsbefehl Mt 28,18-20 und Pfingsten Apg 2,1 ff.). Das Volk Gottes besteht nun aus Heiden und Juden. Andererseits ist es begrenzt auf diejenigen, die dem Ruf Jesu folgen.

Jesus rechnet mit einer Zwischenzeit. Das sichtbare Hereinbrechen des Reiches Gottes liegt noch in der Zukunft und kommt mit seiner Wiederkunft, welche weltweit sichtbar und unverkennbar sein wird. Sie wird unerwartet und plötzlich geschehen. Den Zeitpunkt kennt nicht einmal der irdische Jesus, sondern nur der himmlische Vater (Mk 13, 32). Deshalb ruft Jesus zur Wachsamkeit auf (Mk 13,33-37), eine Mahnung, die den Christen aller Zeiten gilt.

5. Jesus der Christus

Ist es in der neutestamentlichen Wissenschaft bis heute umstritten, ob sich Jesus als Sohn Gottes und Messias ("Christus") verstanden hat, so reden hier die Evangelien doch eine eindeutige Sprache. Wenn er auch als verhüllter König die Königsherrschaft Gottes verkündigt (Mk 5,43), und von einem Messiasgeheimnis (William Wrede) umgeben ist, so widerspricht dies nicht seinem Selbstverständnis, der Messias zu sein. Auch seine Selbstbezeichnung "Menschensohn" (nach Dan 7,3-14) weist auf Jesu Messianität hin. So hat die frühe Gemeinde gerade recht getan, indem sie in Jesus den erwarteten Messias erkannte und als den Christus Gottes bekannte.

(a) Jesus für den christlichen Glauben

Der christliche Glaube bekennt sich aufgrund des Neuen Testaments zu Jesus Christus als dem von Ewigkeit her gekommenen Sohn Gottes des Vaters, der schon vor Erschaffung der Welt beim Vater war und dessen Schöpfungsmittler ist. Er ist der Christus Gottes, der dem Volk Israel verheißene Messias, das fleischgewordenen Wort Gottes (Joh 1,1.14) und hat sich selbst als Erlösungsopfer für die Sünden der Welt dargebracht (Joh 1,29; Hebr 9,14 f.). Während Jesus – ein häufiger Name jüdischer Söhne – die griechische Wiedergabe des hebräischen Jeschua ist und auf deutsch "Gott rettet" heißt, ist "Christus" das griechische Wort für den hebräischen Titel "Messias" und heißt "der Gesalbte". Jesus Christus ist also mehr als ein Name: er ist eher ein Bekenntnis, wiewohl er dann doch bereits von Paulus auch wie ein Name benutzt wird. Für den christlichen Glauben liegt das Hauptgewicht auf der Person Jesu und der vom Vater in Christus vollbrachten Heilstat. Jesu Tod dient der Versöhnung von Gott und Mensch und hebt die in Adam geschehene Sünde auf. Der Weg zum Vater ist wieder frei. Jesus selbst ist der Weg (Joh 14,6). Außer dem Schöpfungsmittler und Versöhner ist Jesus der, der wiederkommt zum Gericht über die Sünder und zur endgültigen, auch leiblichen Erlösung all derer, die an ihn glauben (Mt 25,31-46; Joh 3,16; 1. Kor 15,20-28; 1. Thess 4,13-18; Offb 20,11-15).

(b) der Gesalbte im Alten Testament (= Exkurs)

Die Salbung bezeichnet in Israel eine Einsetzungshandlung für Priester, besonders den Hohepriester, aber auch für Könige. Gesalbte sind demnach Beauftragte Gottes. Am häufigsten werden im Alten Testament Könige als Gesalbte bezeichnet (über 30 Mal), weit seltener die Hohenpriester und nur zwei Mal die Erzväter Israels (Ps 105,15; 1. Chr 16,22). Die Salbung geschieht auf Befehl Gottes zum Dienst für Gott, so dass der Gesalbte durch diese Handlung als von Gott Beauftragter gekennzeichnet ist. Israel erwartet den Gesalbten Gottes aus dem Haus des Königs David als Heilskönig der messianischen Zeit (2. Sam 7,11-16, = Nathanweissagung; Jes 33,17; Ps 89,4). Doch bereits frühere Verheißungen weisen auf einen Heilsbringer hin: bereits in der Urgeschichte (1. Mose 3,15), die Berufung Abrahams (1. Mose 12,1-3), der Jakobssegen (1. Mose 49,10), die Sprüche Bileams (4. Mose 24,17).

6. Jesus Christus in Theologie und Kirche (theologie- und kirchengeschichtlich)

Die Frage, wer ist Jesus Christus, beginnt im Neuen Testament und ist darin eindeutig beantwortet:

er ist der Christus Gottes, der von Israel erwartete Messias. Die verwendeten christologischen Hoheitstitel bestimmen bereits das Verhältnis Jesu zum Vater. Denn es muss ausgedrückt werden, was Jesus mit dem Vater verbindet, als auch, was ihn unterscheidet. So sind zumindest die frühen christologischen Diskussionen Versuche, eine Verhältnisbestimmung von Vater und Sohn vorzunehmen.

(a) Frühe Kirche

Schon bald werden für diese Verhältnisbestimmung Begriffe wie Substanz, Wesen, Natur, Ursprung verwendet. Während die sog. Apostolischen Väter in Jesus Christus vor allem Gott erkennen, macht sich fast gleichzeitig eine Anschauung breit, deren Vertreter zusammenfassend als >Ebioniten bezeichnet werden, die Jesus vor allem als Menschen sehen. Ab etwa 250 n. Chr. wird durch die sog. Adoptianer diese Lehre weiterentwickelt. Demnach wäre Jesus erst zu Gottes Sohn geworden (etwa durch die Taufe). Wer die Jungfrauengeburt und Präexistenz Jesu beim Vater ablehnt, wird beim >Adoptianismus enden, der von der rechtgläubigen Kirche verworfen wird. Als weitere Gruppe treten ab dem 2. Jahrhundert n. Chr. die Apologeten in Erscheinung (Apologetik). Sie sind bestrebt, die christliche Botschaft denkerisch in der damaligen Zeit zu vermitteln und bedienen sich deshalb der damals gängigen philosophischen Begriffe und Vorstellungen. Für die Weiterentwicklung der Christologie bleiben die Apologeten wesentlich bestimmend. Sie bedienen sich des Begriffs Logos / Wort, der bei Johannes vorkommt (z. B. Joh 1,1; 1. Joh 1,1), den aber auch die griechische Philosophie kennt. Dadurch lässt sich die Präexistenz Jesu für die griechische Welt verständlich ausdrücken. Dieser Logos ist "als die Zeit erfüllt war" (Gal. 4,4) durch die Geburt Jesu aus der Jungfrau Maria ins Fleisch gekommen (Joh 1,14). Gnostischen Tendenzen, die bereits in neutestamentlicher Zeit aufgetreten sein müssen, tritt bereits der 1. Johannesbrief entgegen (1. Joh 1,1-3; Gnosis). Der sog. >Doketismus (von griechisch dokein = scheinen) leugnet, dass Jesus wirklich Mensch geworden ist; dies sei nur Schein. Weiter muss geklärt werden, ob Gottes Einzigkeit und Alleinherrschaft nicht in der Gefahr steht, aufgelöst zu werden, wenn Christus ihm vollkommen ebenbürtig ist, wie dies die sog. >Monarchianer vertreten, die neben dem Vater im Sohn einen zweiten Gott erblicken. Eine Reaktion darauf stellt der >Modalismus oder nach seinem Hauptvertreter Sabellius auch als >Sabellianismus bezeichnet, dar, der lehrt, Christus sei lediglich eine Seinsweise Gottes und besitze keine selbständige Existenz. Die christologischen Auseinandersetzungen bewirken die Ausbildung der Trinitätslehre (Dreieinigkeit).

Nicht übersehen werden darf in der gesamten Entwicklung Arius (um 320 n.Chr.), der dies beeinflusst und beschleunigt (Arianismus). Er vertritt die Meinung, der Logos (Christus), sei nicht aus dem Vater geboren, sondern geschaffen, wenn auch vor allen anderen Geschöpfen, aber eben doch nur Geschöpf. Athanasius begründert demgegenüber, dass der Logos, der Mensch wurde, wahrhaft Gott ist. Im Sinne des Athanasius entscheidet die erste ökumenische Synode von Nicäa (325 n.Chr.): Christus ist wesenseins mit dem Vater, als dessen Sohn geboren und nicht als Geschöpf geschaffen. Dies geht in das Nicänische (325 n. Chr.) / Nicäno-Konstantinopolitanische (381 n. Chr.) Bekenntnis ein, welches von allen Großkirchen anerkannt ist

("... aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; ...").

Damit aber sind die christologischen Auseinandersetzungen nicht abschließend entschieden, sondern weitere christologische Streitigkeiten herbeigeführt. So lehrt Apollinaris von Laodicea, zwei in sich vollkommene Wesenheiten könnten nicht eins werden.

Um zwei Subjekte in Christus zu vermeiden, ersetzt er die menschliche Seele Christi durch den Logos. Weil die menschliche Natur Christi damit unvollständig ist, wird Apollinaris von Laodicea verurteilt. Während Apollinaris die menschliche Seite Christi unterbetont, erfährt diese eine Überbetonung bei Nestorius. Er will jegliche Vermischung der beiden Naturen vermeiden, weil dies zu einer Vergöttlichung der menschlichen Natur Christi führte. Dagegen lehrt Cyrill von Alexandria, dass in der göttlichen Natur Christi die menschliche so innig aufgenommen ist, dass von einer einzigen – nämlich göttlichen – Natur bei Christus gesprochen werden kann.

Das Konzil von Chalcedon (451 n. Chr.) übernimmt keine dieser Positionen, sondern beschließt:

Christus existiert in zwei Naturen, die unvermischt und unverändert, aber auch ungetrennt und unzerteilt sind, in der Einheit der Person. Verworfen ist der >Nestorianimus, während dies für den >Monophysitismus (Cyrill von Alexandrien) nicht in diesem Maße gilt, auch wenn er durch ein ökumenisches Konzil nicht abgedeckt ist.

(b) Mittelalter und Reformation

Während die Beschäftigung mit der Christologie in den ersten Jahrhunderten vor allem um das Geheimnis der Person Christi und die substantielle Bestimmung des "wahrer Gott und wahrer Mensch" kreist, tritt im Mittelalter eine Verbindung zur Erlösungslehre hinzu und verlagert sich damit das Gewicht. Vor allem die Satisfaktionslehre des Amseln von Canterbury (1033/34-1109) n. Chr.) verbindet das Persongeheimnis Christi und sein Heilswerk. Es ist nötig, dass nur einer, der zugleich Gott und Mensch ist, eben der Gottmensch Jesus Christus, Satisfaktion (Genugtuung) für die durch die Sünde verletzte Ehre Gottes leistet.

In der Reformation bleiben die altkirchlichen Entscheidungen gültig, werden doch die drei altkirchlichen Symbole (Apostolikum, Nicäno-Konstantinopolitanum, Athanasianum) übernommen, aber doch tritt das Heilswerk Christi in den Vordergrund. Dies wird beispielsweise bei Melanchthon deutlich, der in seinen Loci schreibt: "Christus erkennen, heißt seine Wohltat erkennen." In Kreuz und Krippe sieht Luther die erniedrigte Menschheit Christi. Gott offenbart sich in der Erniedrigung. Allerdings wird die Zweinaturenlehre in der Abendmahlslehre wichtig. Nach der Lehre von der Idiomaten-Kommunikation kann sich eine Natur der anderen mitteilen, womit, für die Abendmahlslehre von Bedeutung, Christus allgegenwärtig ist (Ubiquitätslehre). (Zweinaturenlehre)

(c) 19. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert ist u. a. gekennzeichnet von den Spannungen, die zwischen dem christologischen Dogma und den Ergebnissen der sog. "Leben-Jesu-Forschung" bestehen. Albrecht Ritschl und Adolf von Harnack bewerten die christologische Tradition der frühen Kirche als metaphysisch und wollen sie, beeinflusst durch den Idealismus, durch ethische und idealistische Kategorien ersetzen. Damit wird Jesus zum Verkündiger der sittlichen Herrschaft Gottes. Der Hilfe der lutherischen Kenosislehre bedient sich Gottfried Thomasius: der Logos habe sich in der Menschwerdung selbst beschränkt und lasse sein göttliches Selbstbewusstsein vorläufig ruhen. Martin Kähler unterscheidet den historischen Jesus vom biblisch-geschichtlichen Christus. Die Beschäftigung mit der Christologie wird im 20. Jahrhundert durch diese Unterscheidung beeinflusst. Auf die Spitze wird das in dieser Unterscheidung bereits Angelegte bei Rudolf Bultmann getrieben, der durch seinen Existenzialismus und sein >Entmythologisierungsprogramm eine Enthistorisierung und Remythisierung betreibt und den Versuch einer Allegorisierung darstellt. (Liberale Theologie)

Bei der Beurteilung neuerer christologischer Entwürfe kann geurteilt werden, dass dieselben Problematiken, mit der sich bereits die frühe Kirche auseinandersetzen musste, im Grunde genommen wieder auftauchen, diese also nicht überwunden sind, sondern die Zeiten überdauernde Phänomene sind (z. B. sind sowohl Rudolf Bultmann als auch Paul Tillich letztlich Doketen!). Die gegenwärtig in den Kirchen tatsächlich herrschende Theologie ist stark arianisch-nestoriansich eingefärbt, auch wenn die geltenden Bekenntnisse dem widersprechen; die Gefahr des Monophysitismus erscheint bei weitem nicht so groß. Jesus erscheint daher oft lediglich als vorbildlicher Mensch.

7. Die Notwendigkeit des Glaubens an Jesus den Christus

Wie bereits der historische Jesus seine Zuhörer herausgefordert und zu einer Entscheidung genötigt hat, so tut dies der erhöhte Christus nicht weniger. Er lässt nicht in Neutralität verharren. Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn (Mt 12,30). Allein der Glaube an ihn, der "um unserer Sünde willen dahingegeben" ist (Röm 4,25), rettet vor dem Endgericht Gottes. Auf ihm entlädt sich der Zorn Gottes wegen unserer Sünde. Wer dies nicht im Glauben ergreift, bleibt unter Gottes Zorn. Gut wird die Rechtfertigung des in der Sünde verstrickten gottlosen Menschen, der zum Glauben kommt, im Artikel 4 des Bekenntnisses von Augsburg zum Ausdruck gebracht.

"Weiter wird gelehrt, dass wir Vergebung der Sünde und Gerechtigkeit vor Gott nicht durch unser Verdienst, Werk und Genugtuung erlangen können, sondern dass wir Vergebung der Sünde bekommen und vor Gott gerecht werden aus Gnade um Christum willen durch den Glauben (gratis iustificentur propter Christum per fidem), [nämlich] wenn wir glauben, dass Christus für uns gelitten hat und dass uns um seinetwillen die Sünde vergeben, Gerechtigkeit und ewiges Leben geschenkt wird."

Die einzige Mittlergestalt zwischen Gott und den Menschen ist Jesus, der Christus. Er selbst sagt:

"Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich" (Joh 14,6).

Und sein Apostel schreibt:

"Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung" (1. Tim 2,5 f.).

Freilich ist damit gemeint: der Mensch gewordene Gott, dessen Tod für alle zur Erlösung ausreicht (vgl. Mk 10,45), welche tatsächlich aber nur für die, die an ihn glauben, wirksam wird, so dass einer >Allversöhnung damit keineswegs das Wort geredet wird.

Lit.: Fachlexika und theologische Nachschlagewerke: Artikel: Jesus in: Evangelisches Kirchenlexikon (EKL) 3. Aufl. Bd. 2, 1989, Sp. 824-831, v. T. Holtz; Art. Jesus Christus in: Biblisches Wörterbuch, 1982, S. 208-211, v. H. Krimmer; Calwer Bibellexikon, 6. Aufl. 1989, Sp. 636-662, v. J. Schneider; Das große Bibellexikon, Bd. 2, 1988, S. 683-692, v. O. Betz; Evangelisches Gemeindelexikon, Sonderausgabe 1986 (1. Aufl. 1978). S. 276-278, v. F. Flückiger; Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde (ELThG), Bd. 2, 1993, S. 989-995, m. Beitr. v. O. Betz, A. Geense, U. Swarat; Lexikon zur Bibel, hg. v. F. Rienecker, 18. Aufl. 1988 (1. Aufl. 1960), Sp. 692-698; Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament, Bd. 2, 7. Aufl. der Gesamtausgabe, 1986 (1. Aufl. 1971), S. 757-768, v. K. H. Rengstorf; Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament (ThWbNT), Bd. 4, 1942, Artikel: Nazareios, v. H. H. Schaeder; Artikel: Jesus von Nazareth, in Jerusalemer Bibellexikon, hg. v. K. Hennig, 1990, S. 415-418. – Aufsätze und Monographien: U. Asendorf, Gekreuzigt und auferstanden. Luthers Herausforderung an die moderne Christologie, Arbeiten zur Geschichte und Theologie des Luthertums Bd. 25, 1971; O. Betz, Was wissen wir von Jesus, 1991; H. Burkhardt, Man fragt wieder nach Jesus, in: Theologische Beiträge, Jhg. 2 / 1971; O. Cullmann, Die Christologie des Neuen Testaments, 5. Aufl. 1975; H. Frey, Die Frage nach dem Zeugnis von Jesus Christus (Auseinandersetzung mit W. Marxsen), 1966; R. Guardini, Der Herr. Betrachtungen über die Person und das Leben Jesu, 1951; M. Hengel, Der Sohn Gottes, 1975; M. Kähler, Der so genannte historische Jesus und der geschichtliche biblische Christus, neu hg. v. E. Wolf, 2. Aufl. 1956; W. Künneth, Glaube an Jesus, 2. Aufl. 1963; O. Michel, der Menschensohn in der Jesusüberlieferung, in: Theologische Beiträge, Jhg. 2 / 1971; C. H. Ratschow, Jesus Christus, in: Handbuch Systematische Theologie, Bd. 5, 1982; R. Riesner, Jesus als Lehrer, WUNT 2 / 7, 3. Aufl. 1987; A. Schweitzer, Geschichte der Leben Jesu Forschung (1. Aufl. unter dem Titel: Von Reimarus zu Wrede), 3. Aufl. 1984.

Walter Rominger


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