Sekte

1. Der Begriff "Sekte":

Der Begriff "Sekte" stammt aus den Lateinischen und lässt sich aus zwei möglichen Sprachwurzeln ableiten:

Die erste Erklärung wird – rein etymologisch – überwiegend als die wahrscheinlichere betrachtet. Von der Sache her gesehen, können jedoch beide Begriffe einander ergänzen: Man folgt einem Meister, Guru oder Glaubenslehrer nach und trennt sich dadurch von der ursprünglichen Gemeinschaft. Im Griechischen entspricht dem lateinischen "secta" der Begriff "heiresis" (Häresie).

2. Sekte und Sondergemeinschaft:

Anstelle von "Sekte" wird heute gerne die Bezeichnung "Sondergemeinschaft" verwendet.

Es stellt sich die Frage, ob dieser Begriff passend ist, denn jede menschliche Gemeinschaft besitzt Besonderheiten – nicht nur Sekten, sondern auch Kirchen und Freikirchen. Sonst würden sie sich ja nicht voneinander unterscheiden. Ferner stellt sich die grundlegendere Frage: Wovon hat sich eine Gruppe denn abgesondert? Was ist denn die ursprüngliche Kirche und was ist die Sekte? Gerade solche Gruppen, die man als die "klassischen christlichen Sekten" einstuft (z. B. Zeugen Jehovas, Neuapostolische Kirche, Mormonen), beanspruchen, die ursprüngliche (vorkonstantinische) Kirche zu sein oder sie wiederherzustellen, also die Urgemeinde vor dem 4. Jahrhundert nach Christus, als die römische Staatskirche entstand. Wegen seiner unklaren Abgrenzung und schillernden Weite wird der Begriff "Sondergemeinschaften" gerne für solche Gruppen verwendet, die nicht als die klassischen Sekten gelten, sondern die an der "Schwelle" zwischen Sekte und Freikirche stehen, wie z.B. die Adventisten und ähnliche Richtungen.

Die >Siebenten-Tags-Adventisten wurden bis vor wenigen Jahren zu den klassischen Sekten gerechnet. Allerdings haben sie eine Entwicklung zu einer größeren Akzeptanz anderer Gemeinschaften und Milderung lehrmäßiger Standpunkte durchgemacht und dadurch ein Stück weit ihr "Sekten-Image" verloren – was zur Folge hatte, dass sich extremere Kreise wiederum von ihnen abspalteten ("Tochter-Sekten").

3. Sekten, Kirchen und Freikirchen:

Wenn wir von

reden, dann stellt sich die grundlegende Frage:

Was ist denn demgegenüber die richtige Kirche bzw.Gemeinde ?

Der deutsche Begriff "Kirche" ähnelt dem griechischen Wort "kyriaké", "die dem Herrn Gehörige". Kirche umfasst Menschen, die dem Herrn Jesus Christus gehören. Kirche ist zunächst die unsichtbare Kirche. Martin Luther unterschied zwischen sichtbarer und unsichtbarer Kirche. Er sagte, die "ecclesia invisibilis" (unsichtbare Kirche) umfasse alle wirklich durch Jesus Christus Erlösten und an Christus Glaubenden. Die sichtbare Kirche ist dann diejenige, in der sich Menschen um Wort und Sakrament versammeln, die also auch äußere Kennzeichen besitzt. Sichtbare und unsichtbare Kirche sind nicht völlig deckungsgleich, sondern nur teilweise. Die sichtbare Kirche ist ein "corpus permixtum" ("vermischter Leib") aus Gläubigen und Heuchlern, wie die Reformatoren treffend gesehen haben. In 1. Sam 16,7 wird klar von den Erkenntnisgrenzen des Menschen im Blick auf den Herzenszustand seiner Mitmenschen gesprochen:

"Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an."

Das sollte vor jedem Hochmut im Sinne des Anspruchs auf "die perfekte Gemeinde der nur wirklich Gläubigen" bewahren, denn außer dem Betroffenen selber kann nur Gott wissen, wer wirklich glaubt – und wer nur so tut, als gehöre er dazu.

Es gibt also die unsichtbare Kirche, die nur Gott wirklich kennt. Und trotzdem müssen wir, da wir auf Erden leben, auch eine sichtbare Kirche als konstituiert betrachten. Im Augsburger Bekenntnis, Artikel 7, wird die Kirche als "eine heilige, christliche Kirche" definiert. Sie ist "die Versammlung aller Gläubigen, bei welchen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente gemäss dem Evangelium gereicht werden." In Artikel 8 kommt die Spannung zwischen (unsichtbarem) Ideal und (sichtbarer) Wirklichkeit zum Ausdruck, indem betont wird, dass in der Kirche, die "eigentlich nichts anderes als die Versammlung aller Gläubigen und Heiligen" ist, doch "viele falsche Christen und Heuchler, auch öffentliche Sünder" bleiben. Das ist in wesentlichen Zügen das lutherisch-reformatorische Verständnis von Kirche.

Die Basisformel des Ökumenischen Rats, 1948 in Amsterdam verabschiedet, definiert Kirche formal knapper und inhaltlich umfassender, nämlich im Sinne eines ökumenischen Minimalkonsenses. Dort heisst es:

"Kirchen sind solche Gemeinschaften, die den Herrn Jesus Christus, gemäss der Heiligen Schrift, als Gott und Heiland bekennen und darum gemeinsam zu erfüllen trachten, wozu sie berufen sind, zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes." Hier ist also enthalten: "der Herr Jesus Christus, gemäss der Heiligen Schrift".

Jesus Christus, wie er in der Bibel beschrieben wird, bildet die Grundlage der christlichen Kirchen. Und zwar wird er ausdrücklich als "Gott" und "Heiland" ("Retter", "Erlöser") definiert – im Gegensatz zu manchen Auflösungserscheinungen, die sich heute nicht nur bei vielen Sekten, sondern leider weithin auch beim Ökumenischen Rat selber finden. Im Gegenüber zu verschiedenen Sekten und Kulten wird auch die Dreieinigkeit ausdrücklich angesprochen, wenn auch in einer doxologischen (lobpreisenden) Formel. Diese Definition aus dem Jahre 1948 ist allerdings inhaltlich sehr dünn und lässt leider durch ihre mangelnde Lehrfestsetzung auch für unbiblische Gruppierungen Raum. Klarere Definitionen hingegen finden sich in den altkirchlichen Bekenntnissen (>Nicänum, >Nicäno-Constantinopolitanum und >Chalkedonense), die bis heute das bindende Glied zwischen den großen Konfessionen und auch den meisten Freikirchen (im Unterschied zu den Sekten) sind.

Freikirchen sind im Wesentlichen nichts anderes als Kirchen, die staatsunabhängig, also frei ihre Versammlungen und ihre Existenzweise leben wollen. Es gibt allerdings auch Unterschiede in Struktur, Sakramentsverständnis und auf anderen Gebieten, aber ursprünglich kommt der Begriff von der organisatorischen Unabhängigkeit und Freiheit der Kirchengebilde her. In den USA z. B. sind – im Gegensatz zu europäischen Ländern – alle Kirchen (also auch die lutherische, reformierte und römisch-katholische Kirche) Freikirchen aufgrund der dortigen Staatsstruktur. In Europa rechnet man zu den Freikirchen hingegen Denominationen wie Methodisten, Baptisten, Brüdergemeinden, Mennoniten, Freie Evangelische Gemeinden, aber auch Abtrennungen von den ehemaligen lutherischen und reformierten Staatskirchen, etwa die Selbständige Evangelisch Lutherische Kirche und die Evangelisch-altreformierte Kirche.

4. Unterschiedliche Sektendefinitionen:

Eine Sekte kann von verschiedenen Kategorien und Ausgangspunkten her definiert werden:

Wenn man die "Sekte" rein soziologisch betrachtet, dann ist es eine abgegrenzte Gemeinschaft, die im Gegenüber steht zu den Großkirchen (katholisch, evangelisch, orthodox). Sie wird dann weithin durch Quantität (die Zahl ihrer Mitglieder) definiert. Eine Sekte steht oftmals auch in Spannung zur Gesellschaft, zu ihrer Umgebung, zu den kulturellen, historischen und sozialen Gegebenheiten, in denen sie lebt, die sie meistens ablehnt und im Gegensatz zu denen sie eine eigene Lebensstruktur bildet.

Im Jahre 1877 grenzte der Tübinger evangelische Theologe Christian Palmer Kirche und Sekte folgendermaßen voneinander ab:

"Juristisch ist jede Gemeinschaft eine Sekte, wenn sie ... sich von der herrschenden, vom Staat anerkannten Kirche trennt, und ihren eigenen Gottesdienst, ihr eigenes Vorsteher- und Lehramt errichtet ... Nur eine solche Gemeinschaft religiösen Glaubens und Lebens, die im Stande ist, ein ganzes Volksleben zu durchdringen und eine weltgeschichtliche Potenz zu werden, nur eine solche kann als Kirche anerkannt werden, alle übrigen, die sich um einzelne Häupter sammeln, deren absonderliche Meinungen annehmen, die aber viel zu kleinlich und subjektiv sind, um weltgeschichtlich und volksthümlich zu werden, sind und bleiben Sekten" (Chr. Palmer, Die Gemeinschaften und Sekten Württembergs, 1877, 8.10).

Während Palmer vom vorgegebenen Maßstab der Staatskirche ausging und sämtliche anderen Gemeinschaften äußerst undifferenziert als "Sekten" einordnete, definierte im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts der Soziologe Max Weber die Zugehörigkeit zu "Kirche" oder "Sekte" nach dem Grad der Freiwilligkeit:

"Eine ´Kirche` ist eine Gnadenanstalt, welche religiöse Heilsgüter wie eine Fideikommißstiftung verwaltet und zu welcher die Zugehörigkeit (der Idee nach!) obligatorisch, daher für die Qualität des Zugehörigen nichts beweisend ist, eine ´Sekte` dagegen ein voluntaristischer Verband ausschließlich (der Idee nach) religiös-ethisch Qualifizierter, in den man freiwillig eintritt, wenn man freiwillig kraft religiöser Bewährung Aufnahme findet" (M. Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, 1963, 211).

Auch bei Weber blieb der Unterschied zwischen Sekte, Freikirche und pietistischer Gemeinschaft völlig aus dem Blickfeld. Der Maßstab der Freiwilligkeit kennzeichnet – bis in den Namen hinein – Freikirchen, nicht nur (und manchmal überhaupt nicht) Sekten. Die ebenfalls im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts verfasste und viel zitierte Definition des evangelischen Theologen und nachmaligen Philosophen Ernst Troeltsch fiel zwar theologischer aus, konnte aber auch nicht den Unterschied zwischen Sekten und Freikirchen fassen und traf zudem nur auf einen bestimmten Ausschnitt aus dem Spektrum der unterschiedlichen Gemeinschaften zu. Sie lautete: "Die Sekte ist die freie Vereinigung strenger und bewusster Christen, die als wahrhaft Wiedergeborene zusammentreten, von der Welt sich scheiden, auf kleine Kreise beschränkt bleiben, statt der Gnade das Gesetz betonen und in ihrem Kreise mit größerem oder geringerem Radikalismus die christliche Lebensordnung der Liebe aufrichten, alles zur Anbahnung und in der Erwartung des kommenden Gottesreiches" (E. Troeltsch, Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen, Neudruck 1977).

Gegenüber solchen pauschalen Formulierungen wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der Sekten-Begriff eingeschränkt und von den auch in Europa immer mehr Anerkennung findenden Freikirchen abgegrenzt. Insbesondere der kirchliche Sektenbeauftragte und Kirchenrat Kurt Hutten hat bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein das Bild der "klassischen Sekten" geprägt. Er definierte diese soziologisch ("innerliches Winkeldasein"), ohne den dogmatischen Aspekt auszublenden. Huttens Definition lautete: "Was eine Gemeinschaft zur ´Sekte` macht, ist, abgesehen von ihrer Sonderlehre und ihrer lehrmäßigen Entstellung der biblischen Botschaft, jene rechthaberische Haltung, die eigene Wahrheitserkenntnis mit der Wahrheit Christi gleichsetzt. Die Folge dieser Rechthaberei ist, dass solche Sekten sich von allen anderen Gemeinschaften und ihren Gliedern scheiden und sie verteufeln. Weil sie nicht mehr um den Unterschied zwischen der Wahrheit Christi und ihren eigenen Lehren wissen, billigen sie denen, die andere Lehren vertreten, nicht mehr zu, dass sie auch Christen sind" (K. Hutten, Seher – Grübler – Enthusiasten. Sekten und religiöse Sondergemeinschaften der Gegenwart, 1968, 750f.).

Im Anschluss an Hutten bildeten sich folgende Kennzeichnungen der "klassischen (christlichen) Sekte" heraus: "die christliche Wurzel der Gruppe; ein Absolutheitsanspruch auf das Heil gegenüber der Ökumene der christlichen Kirchen; Verweigerung der ökumenischen Gemeinschaft; scharfe Kirchenkritik, aggressive Mission im Bereich der Großkirchen (Proselytismus); klarer Umriss der Gruppe mit deutlichen Grenzen zwischen Innenwelt und Außenwelt, soziale Konflikte mit der Außenwelt; hierarchische, häufig zentralistische Machtstrukturen, ein geschlossenes Lehrsystem und eine normierte Lebenspraxis" (zit. bei: H. Hemminger, Was ist eine Sekte? 1995, 29).

Seit den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde der Sektenbegriff wieder zunehmend verschwommen, da sich – etwa durch das zunehmende Eindringen nichtchristlicher Religionen und Kulte und einen wachsenden "Supermarkt" spiritueller Angebote bedingt – eine "diffuse Religiosität" im "christlichen Abendland" ausbreitete. So lassen sich heute z.B. folgende Formen von Sekten, Kulten und religiösen Angeboten im Abendland unterscheiden (vgl. Hemminger, a.a.O., 36ff.):

a. klassische "christliche" Sekten wie

b. Hindu-Sekten

wie

c. buddhistische Sekten

wie verschiedene "Schulen" des >Zen;

d. Psycho-Sekten

wie

e. synkretistische Sekten

wie

f. Polit-Sekten

wie

g. Neuoffenbarungs- und spiritistische Sekten

wie

h. satanistische Sekten und Kulte (>Satanismus);

i. New-Age-Sekten und -Kulte;

j. esoterische Vereinigungen mit mehr oder weniger sektenförmigen Ausformungen wie die >Theosophische und >Anthroposophische Gesellschaft mit der "Christengemeinschaft ".

Dieses Schema ist nicht starr, sondern fließend, d.h. viele Sekten sind mehreren Kategorien gleichzeitig zuzuordnen. So weisen z.B. mehrere der "klassischen Sekten" zugleich Kennzeichen der Neuoffenbarung, des esoterischen Wissens und des Spiritismus (wenn auch oft verschleiert) auf. Die Bahai-Bewegung kann als synkretistische Sekte, aber auch als Abspaltung aus dem Islam mit esoterischen Elementen eingeordnet werden. Die Bhagwan-Bewegung als Hindu-Sekte weist zugleich Kennzeichen einer Psycho-Sekte auf. Diese Beispiele könnten noch lange fortgesetzt werden. Die Zahl der Sekten, Kulte und Religionen (und dazu gehört nicht zuletzt der Islam!), die in der westlichen Welt "missionieren", geht inzwischen in die Hunderte, ja womöglich sogar in die Tausende, wenn man alle Splittergruppen, "Tochter-Sekten" usw. mitrechnet. Gibt es dann aber überhaupt noch Kriterien, um diese zu beurteilen? Ich halte es mit Kurt Hutten, der neben den soziologischen auch den theologisch-dogmatischen Maßstab stellte. Hutten wandte die reformatorischen Bekenntnisse als Maßstab zur Prüfung aller Sektenlehren an, allerdings mit einer wesentlichen Einschränkung: "Der Wahrheitsanspruch der reformatorischen Bekenntnisse steht und fällt damit, dass sie sich mit der Heiligen Schrift decken und den zentralen Inhalt der Offenbarung Gottes richtig wiedergeben ... Die Verwendung der in den reformatorischen Bekenntnissen enthaltenen Maßstäbe ist sachgemäß, weil und sofern diese Bekenntnisse nichts anderes sagen, als was die Heilige Schrift sagt" (Hutten, a.a.O., 748).

Hier freilich liegt das Problem, denn viele Sekten werfen den Kirchen der Reformation gerade dies vor, dass sie in ihren Bekenntnissen die biblische Botschaft bzw. Teile von ihr vergessen oder verfälscht hätten, die von ihnen selber wieder entdeckt worden seien. Es bleibt also letztendlich allein die Bezugnahme auf die Bibel Alten und Neuen Testaments in den Ursprachen, um ein Kriterium zur Beurteilung von Sekten, Kulten und Weltanschauungen an der Hand zu haben. Und hier wiederum ist die schriftgemäße Hermeneutik (Auslegungskunst) entscheidend. Welches aber ist die schriftgemäße Hermeneutik? Es ist die Hermeneutik, welche die Intention der biblischen Aussagen ernst nimmt – und das heisst: die vom Literalsinn (Wortsinn) und Kontext (Zusammenhang) der einzelnen Bibelstellen ausgeht und die >heilsgeschichtliche Entfaltung der biblischen Berichte beachtet. Geschichtsbericht ist als Geschichtsbericht, Bildwort als Bildwort, Gleichnis als Gleichnis zu deuten usw. Welche Auslegung im Einzelfall angemessen ist, geht in der Regel klar aus dem Textzusammenhang hervor. Auf diese Kriterien haben die Reformatoren Wert gelegt und sie neu ans Licht gehoben. Schriftgemäße Hermeneutik ist also eine Interpretation, die Bibelstellen nicht aus ihrem Zusammenhang reißt oder gewaltsam allegorisch umdeutet, wie dies bei Sekten oft geschieht.

Kurt Hutten betonte neben der Orthodoxie die Orthopraxie: "Die Entscheidung über die Seligkeit und Verdammnis fällt nicht im Raum des Bekenntnisses, sondern in der Nachfolge" (K. Hutten, a.a.O., 748f.) Das ist völlig richtig. Richtige Lehre und richtiges Leben gehören zusammen. Und der Maßstab für beides ist die Heilige Schrift.

Von diesem Maßstab – der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments – gehe auch ich selber bei der Beurteilung von Sektenlehren aus. Zusammenfassend sei gesagt: Man kann aus christlicher Sicht alle religiösen Gruppen, die den Hauptlehren des Alten und Neuen Testaments widersprechen und statt dessen eigene Lehrsysteme entwickelt haben, streng genommen als "Sekten" bezeichnen. Da dies bei Freikirchen nicht der Fall ist, sind diese keine Sekten. Freikirchen unterscheiden sich zwar von den Großkirchen und untereinander durch einzelne Lehrfragen, aber diese treten nicht zu den klaren Hauptlehren des Alten und Neuen Testaments (wie sie etwa in den altkirchlichen "ökumenischen" Bekenntnissen zusammengefasst sind) in Gegensatz.

5. Wie warnt uns die Bibel vor Sekten?

In Mt 7,15ff. und 24 warnt Jesus seine Jünger vor falschen Christussen und falschen Propheten, die zum Teil mit großen Zeichen und Wundern die Welt betören und die Gläubigen betrügen wollen. In Phil 3,18 ist die Rede von "Feinden des Kreuzes Christi". In 2. Kor 11,12-15 warnt Gottes Wort die Gemeinde vor Satan, der sich "verstellt als Engel des Lichts" und vor seinen falschen Aposteln, die sich "verstellen als Arbeiter der Gerechtigkeit". In 1. Tim 4,1-3 ist von "verführerischen Geistern und Lehren von Teufeln" die Rede. 2. Tim 4,3-4 enthält die Voraussage, dass die Menschen "ihre Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Fabeln zuwenden" werden. Auch in 2. Petr 2 sind falsche Propheten erwähnt, die "unter dem Volk" sind und verführerische Spaltungen und Irrlehren bringen. Gal 1,6f. spricht von dem falschen bzw. "anderen Evangelium". Auf demjenigen, der dieses vertritt, lastet der Fluch. In Kol 2,8f. heisst es: "Hütet euch vor der Philosophie und leerem Betrug, gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Elemente der Welt und nicht auf Christus." Hier findet sich eine Warnung vor gnostischen Bewegungen, die behaupteten, die Fülle in den Elementen der Welt oder in falschen asketischen oder meditativen Übungen zu finden. Auch diese Lehren haben heute ihre Nachfolger, etwa in Gestalt von Theosophie, Anthroposophie und New Age. In 1. Tim 3 wird gewarnt vor "ungeistlichen Altweiberfabeln". In Tit 1,10 f. ist die Rede von "frechen Schwätzern und Verführern ... die lehren, was nicht taugt, um schändlichen Gewinnes willen". Auch der gesamte Judasbrief warnt – wie 2. Petrus 2 – vor Irrlehrern der Endzeit. Die ganze Bibel ist voll von solchen Warnungen und der Sorge um das Heilsvolk bzw. die christliche Gemeinde.


6. Wie können wir Sektenmitgliedern begegnen und helfen?

Hier gilt im Wesentlichen das unter Apologetik Ausgeführte. Ergänzend sei Folgendes genannt:

Ganz eminent wichtig sind die Sprache, die Begriffe im Gespräch, die Terminologie. Wenn ich mit jemanden, der zu einer Sekte oder einem Kult gehört, spreche, dann ist die Verwirrung der Geister sehr schnell perfekt, wenn die Begriffe vermischt und verwirrt werden. Denn natürlich reden auch Mitglieder von Sekten von "Gott", von "Christus", von "Erlösung", von "Wiedergeburt" usw. Alle diese Begriffe, die der Bibel entnommen sind, und viele weitere kommen vor. Aber wir müssen immer fragen: Was meint Ihr damit?

Mit der Begriffsverfälschung hängt die Umdeutung von ganzen Bibeltexten zusammen. Man benutzt zwar die Bibel (zumindest bei Sekten im christlichen Kulturraum) recht häufig, aber wie einen Steinbruch, über den man dann das Sekten-System darüber stülpt und allegorisch etwas anderes sagt als das, was vom Literalsinn her dasteht. Demgegenüber ist es entscheidend, den Kontext und den Hintergrund der biblischen Aussagen zu beachten: Bildwort ist als Bildwort, Allegorie als Allegorie, Prosa als Prosa, Parabel als Parabel usw. zu deuten. Es ist in der Auslegung auch wichtig, die Entfaltung von Gottes Heilsplan, sein heilsgeschichtliches Fortschreiten zu berücksichtigen. So macht z.B. der Hebräerbrief im Neuen Testament deutlich, dass die Opfer des Alten Bundes durch das einmalige Opfer Jesu erfüllt und damit auch abgetan sind. Eine Auslegung, die alttestamentliche Aussagen – etwa über die Zeremonialgesetze – aus ihrem heilsgeschichtlichen Zusammenhang reißen und für die Gemeinde des neutestamentlichen Zeitalters verbindlich machen möchte, ist falsch, wird aber von vielen Sekten so gehandhabt, die damit in einer gewissen >Gesetzlichkeit enden.

In diesem Zusammenhang ist auch auf die Frage nach dem Sabbat hinzuweisen, die namentlich für die >Siebenten-Tags-Adventisten ein entscheidendes Unterscheidungsmerkmal darstellt. Hier wird schlichtweg übersehen, dass die urchristliche Gemeinde schon in neutestamentlicher Zeit – und nicht erst seit Kaiser Konstantin! – den ersten Tag der Woche (später "Sonntag" genannt) als besonderen Gedenktag an die Auferstehung des Herrn und in bewusster Unterscheidung zu den jüdischen Gebräuchen heilig gehalten hat (vgl. Joh 20,1.19.26; Apg 20,7; Offb 1,10 u.a.).

Was ist Wahrheit" Diese Frage ist auch im Umgang mit Sekten und Kulten von Bedeutung. Die Wahrheitsfrage braucht eine Basis. Die Wahrheit ist zunächst personal: Jesus Christus, wie er uns geoffenbart ist in Gottes Wort, heilsgeschichtlich in Weissagung und Erfüllung (vgl. Joh 14,6). Aber auch in Joh 17,17 ist von der Wahrheit die Rede: "Dein Wort ist die Wahrheit!", sagt Jesus zu Gott dem Vater. Wahrheit ist also das den Zeugen geoffenbarte Wort Gottes, wie es schließlich schriftlich in Gestalt der Bibel niedergelegt wurde. Und dieses Wort ist die "norma normans", die normierende Norm für alle Erkenntnisse heutiger, vergangener und zukünftiger Zeit.

Nun stellt sich uns die schwierige Frage: Gehen die Mitglieder von Sekten ewig verloren? K. Hutten schreibt hierzu: "Es ist also nicht erlaubt, ein Generalurteil zu fällen: Weil in diesen Gemeinschaften irrige Lehren verkündet werden, deshalb verfehlen ihre Mitglieder das Heil. Wir können nur sagen: Wegen dieser irrigen Lehren ist es dem einzelnen erschwert, den rechten Weg zu finden. Er ist in Gefahr, auf Abwege zu geraten, das Wichtigste an den Rand zu schieben und Nebensächliches in den Mittelpunkt zu stellen. Er kann dazu verführt werden, dass er sich auf trügerische Sicherheiten verlässt und dass der Boden, auf dem er steht, dann einbricht. Aber er kann trotz seines irrigen Bekenntnisses in der Nachfolge des Herrn stehen und ihn lieben" (Seher – Grübler – Enthusiasten, 1968, 749). Hutten ist zu Recht sehr vorsichtig und überlässt das letzte Urteil Gott, der das Herz des Einzelnen ansieht und erkennt, wie dieser zu ihm steht. Allerdings – so denke ich – ist eine biblisch klar bestimmte Grenze da überschritten, wo der Einzelne Jesus Christus als lebendigen Sohn Gottes und Erlöser ablehnt. "Wer den Sohn hat, der hat das Leben. Wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht" (1. Joh 5,12).

Freilich – und darauf weist Hutten treffend hin – macht das rechte Bekenntnis allein nicht selig, sondern Lehre und Leben gehören zusammen. Manche Anhänger von Sekten führen ein äusserlich tadelloses Leben. Aber wenn eine Person äußerlich gut handelt, braucht sie noch nicht auf der Seite Jesu Christi zu stehen. Wenn ihr Handeln ein rein menschliches Gemächte, ein humanistisches Werk ist, geht sie ohne den rettenden Glauben trotzdem verloren (vgl. Röm 3). Vielmehr gehört beides zusammen: richtige Lehre und richtiges Leben. Somit gilt: weder Lehre ohne Leben, noch Leben ohne Lehre. Und Leben heisst nun eben Nachfolge Christi. Dietrich Bonhoeffer schärft uns in seiner Schrift "Nachfolge" ein, dass es keine billige Gnade sein darf, sondern die teure Gnade, die Jesus das Leben gekostet hat, die teure Gnade, die das neue Leben ausmacht und den Gehorsam gegenüber Gott bedingt. Und diese teure Gnade, dieses allein durch Jesus Christus erworbene Heil gilt es, den Mitgliedern von Sekten einladend zu bezeugen.

S. auch: Apologetik; Häresie; Schisma; Kult; >Ketzerei.

Lit.: K. Hutten, Seher – Grübler – Enthusiasten, div. Auflagen; L. Gassmann, Was sind Sekten – und was nicht?, 1998.

Lothar Gassmann


HANDBUCH ORIENTIERUNG:
Religionen, Kirchen, Sekten, Weltanschauungen , Esoterik

Urheber und Redaktion: Dr. Lothar Gassmann

www.L-Gassmann.de


Gedruckte Ausgabe des HANDBUCHS ORIENTIERUNG unter

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