Russell, Charles Taze (1852-1916)

HANDBUCH ORIENTIERUNG: Religionen, Kirchen, Sekten, Weltanschauungen, Esoterik.Begründer der Wachtturm-Gesellschaft (seit 1931: Zeugen Jehovas). R.s Hauptwerk waren die unter der Bezeichnung "Schriftstudien" (bis 1904: "Millennial Dawn" - "Millennium-Tagesanbruch") bekannt gewordenen sechs Bücher mit den programmatischen Titeln: "Der (göttliche) Plan der Zeitalter" (1886), "Die Zeit ist herbeigekommen" (1889), "Dein Königreich komme!" (1890), "Der Tag der Rache" (später: "Der Krieg von Harmagedon") (1897), "Die Versöhnung von Gott und dem Menschen" (1899), "Die neue Schöpfung" (1904). Der siebte Band "Das vollendete Geheimnis", der 1917 posthum erschien, stammt in seiner vorliegenden Form zum großen Teil nicht von R. Die sechs ersten Bände erreichten allein bis zum Todesjahr R.s eine Auflage von zusammen ungefähr 16 Millionen Exemplaren, zumindest nach den Angaben der Wachtturm-Gesellschaft.

Wer war R.? Von der Presbyterianischen und Kongregationalistischen Kirche enttäuscht, brachte ihn seine Suche nach Orientierung 1870 mit einer Splittergruppe aus der >adventistischen Bewegung, den "Second Adventists" ("Zweite Adventisten"), in Berührung, welche die ewigen Höllenstrafen nicht lehrte. Durch diesen Kreis um den freien Prediger Jonas Wendell wurde R.s Denken in apokalyptische (endzeitliche) Bahnen gelenkt. Der Begründer der Adventisten, William Miller, hatte die Wiederkunft Jesu Christi auf das Jahr 1844 festgelegt. Als diese Erwartung sich nicht erfüllt hatte, gab es zahlreiche Abspaltungen im adventistischen Lager mit unterschiedlichen Deutungsversuchen. Eine dieser Gruppen war der Kreis um Jonas Wendell. Eine weitere Etappe war die Bekanntschaft R.s mit dem Herausgeber der adventistischen Zeitschrift "The Herald of the Morning", Nelson H. Barbour, im Jahre 1876. Barbour behauptete, dass Christus seit 1874 unsichtbar auf der Erde anwesend sei. Weiter meinte er, die wahren Adventgläubigen würden gesammelt und 1878 entrückt werden. R. schloss sich Barbour an und nannte sich seit 1876 "Pastor". Diesen Titel trug er ohne jegliche theologische Ausbildung und Ordination. Die "Second Adventists" hießen auch "Age-to-Come-Adventists" ("Adventisten des kommenden Zeitalters"). Jonas Wendell, der Prediger dieser nur wenige Dutzend Leute umfassenden Gruppe, hatte die Jahreswende 1872/73 (später 1874) als den Zeitpunkt bezeichnet, an dem die Welt verbrennen sollte. Nach seiner Berechnung würden dann sechstausend Jahre seit Adam enden. Solche Endzeit berechnungen, die für R. prägend werden sollten, gehen von den sieben Wochentagen aus, welche jeweils mit tausend Jahren gleichgesetzt werden. Nach sechs Tagen im Sinne von sechstausend Jahren tritt der siebte Tag, das siebte Jahrtausend (Millennium) ein, in welchem Christus regiert. Dieses Millennium oder Tausendjährige Reich sollte nach Wendells Berechnungen 1873 oder 1874 beginnen.

Der Kreis um R. traf sich in Pittsburgh und Allegheny seit etwa 1870. Bis 1873 konnte dieser Kreis als ein Ableger der Wendellschen Gemeinde gelten. Später nahm R. eine eigene Entwicklung. Zwischen Barbour und den Second Adventists bestand ein wesentlicher Lehrunterschied. Dieser betraf nicht den Zeitpunkt der Wiederkunft Jesu Christi, sondern die Art seines Kommens. Im Unterschied zu Wendell erwartete Barbour die Wiederkunft Christi nicht sichtbar nach dem Weltenbrand 1873/74, sondern als eine unsichtbare Gegenwart. Hier berührte sich Barbour übrigens mit der Ansicht der "Prophetin" der "Siebenten-Tags-Adventisten", Ellen G. White. Auch diese behauptete (erstmals fast 30 Jahre vor Barbour und R.!), Christus sei unsichtbar wiedergekommen – allerdings schon 1844, im von W. Miller berechneten Jahr – und habe mit der "Reinigung des Heiligtums im Himmel" begonnen. Barbour und R. vertraten die Lehre von der unsichtbaren Wiederkunft Christi (öffentlich) erst nach 1874. Im Jahre 1877 erschien ihr gemeinsames Werk "Three Worlds, and the Harvest of This World" (anderer Titel: "Three Worlds or Plan of Redemption"), in dem sie ihre Ansicht niederlegten. Sie schrieben, dass die Ankunft Christi 1874 angefangen habe und nun die Erntezeit, die Sammlung der Heilsgemeinde, eingeleitet sei, die 1914 zu ihrem Ende gelange. Die Erntezeit betrage also 40 Jahre. 1914 werde das Weltende erreicht sein. Außerdem fanden sich in diesem frühen Werk bereits die Lehren vom "Ganztod" des Menschen, von Jesus als dem "Erzengel Michael" und vom "Loskaufopfer". Die Realität der Hölle als "Strafort der Verdammten" wurde geleugnet (Ganztod-Lehre).

Nach einiger Zeit kam es zu Streitigkeiten zwischen R. und Barbour, und zwar vor allem in zwei Punkten. Zum ersten: Barbour erwartete, dass die lebenden Gläubigen oder Heiligen 1878 leiblich entrückt würden. Nachdem diese Erwartung nicht eingetroffen war und sich unter den Anhängern R.s Enttäuschung breit machte, stellte dieser die Lehre auf, diejenigen, die nach 1878 noch lebten, würden in ihrer Todesstunde sofort verwandelt und müssten nicht bewusstlos im Grab liegen. Gegenüber späteren Lehren der Zeugen Jehovas finden sich in der Frühzeit R.s noch mancherlei Unterschiede, so auch in diesem Punkt. Der zweite Unterschied und Grund für die Trennung war die Lehre vom "Loskaufopfer". Damit war der Kreuzestod Jesu Christi gemeint. Barbour achtete diesen sehr gering. R. hingegen sah in ihm ein zentrales Ereignis, obwohl er die Lehre von der Dreieinigkeit (Trinität) Gottes ablehnte.

Aufgrund der ihm bei Barbour und anderen begegnenden Berechnungen entwickelte R. seine Ansicht von den Jahren 1874 und 1914. 1874 sei Christus unsichtbar wiedergekommen, um die Erntezeit einzuleiten und seine Gemeinde zu sammeln – und 1914 gehe diese Erntezeit zuende. Diese frühe Sicht bei dem Gründer der sich später "Zeugen Jehovas" nennenden Gruppierung unterscheidet sich wesentlich von den späteren Berechnungen nach R.s Tod. Welche Ereignisse sagte R. für das Jahr 1914 voraus? Ich zitiere aus seinem erstmals 1889 veröffentlichten Buch "The Time Is At Hand" ("Die Zeit ist herbeigekommen"), deutsche Ausgabe von 1913, S. 73 f.:

"In diesem Kapitel liefern wir den biblischen Nachweis, dass das völlige Ende der Zeiten der Heiden (Nationen), d.i. das volle Ende ihrer Herrschaft, mit dem Jahre 1914 erreicht sein wird; und dass dieses Datum die äußerste Grenze der Herrschaft unvollkommener Menschen sein wird... Erstens, dass dann das Königreich Gottes, für welches unser Herr uns beten lehrte: ´Dein Reich komme`, volle und universelle, weltenweite, Herrschaft erreicht haben und ´aufgerichtet`, oder auf Erden festgegründet, sein wird. Zweitens beweist es, dass er, dem das Recht, diese Herrschaft an sich zu nehmen, gebührt, dann als der neue Herrscher der Erde gegenwärtig sein wird; und nicht nur dies, sondern auch, dass er einen beträchtlichen Zeitraum vor jenem Datum gegenwärtig sein wird, weil der Umsturz dieser nationalen Obrigkeiten direkt darauf zurückzuführen ist, dass er ´wie Töpfergeschirr sie zerschmettern` (Psa. 2:9; Offb. 2:27), und an ihrer Statt sein eigenes, gerechtes Regiment aufrichten wird. Drittens beweist es, dass etliche Zeit vor dem Ablauf von 1914 n. Chr. das letzte Glied der göttlich anerkannten Kirche (Herauswahl) Christi, das ´königliche Priestertum`, ´der Leib Christi`, mit dem Haupte verherrlicht sein wird..." Weitere Ereignisse, die nach R.s Ansicht 1914 eintreffen sollten, sind die Sammlung und geistliche Erneuerung Israels sowie der Höhepunkt der großen "Zeit der Drangsal", die allerdings "an jenem Zeitpunkt enden wird; und dann werden die Menschen gelernt haben, stille zu sein und zu erkennen, dass Jehova Gott ist, und dass er auf Erden hoch erhöht werden wird".

Was ist davon im Jahre 1914 eingetroffen? Nichts – außer einer "Drangsal" in Gestalt des Ersten Weltkrieges, die aber erst vier Jahre später endete und auch nicht mit der "großen Drangsal" oder "Trübsal" nach Matthäus 24,21 gleichgesetzt werden kann, denn nach dem Ersten Weltkrieg lief die Weltgeschichte wie gewohnt weiter. Die Sammlung der Juden hat R. zwar vorausgeahnt (es gab ja seit längerem eine zionistische Bewegung, die darauf hin arbeitete und der R. nahe stand), aber sie traf keineswegs 1914 ein, sondern in den Jahren und Jahrzehnten darauf. Die geistliche Erneuerung Israels, seine Annahme Jesu als Messias, steht zum größten Teil auch heute noch aus. Was sich aber auf keinen Fall verwirklicht hat und doch von R. und seinen Anhängern so glühend erwartet worden war, ist die Beendigung der Herrschaft der irdischen Nationen und die Aufrichtung des Reiches Jehovas auf Erden an deren Stelle. Von R.s Nachfolgern wurde diese Erwartung deshalb auf die Zeit nach 1914 verschoben, und das Jahr 1914 gilt nun nicht als Ende (wie bei R.), sondern als Anfang der Erntezeit.

Was geschah, nachdem das Jahr 1914 ohne Erfüllung der vorausgesagten Ereignisse vorbeigegangen war? In einem 1916 verfassten Vorwort zu seinem Buch "The Time Is At Hand" gestand R. seinen Irrtum ein, versuchte ihn aber gleichzeitig zu beschönigen: "Der Autor gibt zu, dass er in diesem Buch den Gedanken nahelegt, dass des Herrn Heilige erwarten dürfen, am Ende der Zeiten der Nationen bei ihm zu sein in Herrlichkeit. Dies war ein Fehler, den zu machen sehr natürlich war, doch der Herr überwaltete ihn zum Segen seines Volkes. Der Gedanke, dass die Kirche vor Oktober 1914 in Herrlichkeit vereint sein würde, übte zweifellos einen anspornenden und heiligenden Einfluss auf Tausende aus, von denen demgemäss alle den Herrn preisen können, selbst um des Fehlers willen" (deutsche Ausgabe von 1926, S. 7). Hier versuchte R., aus der Not eine Tugend zu machen und seine Falschprophezeiungen als "Segen" hinzustellen. Doch handelte es sich überhaupt um Falsch-Prophezeiungen oder nur um unverbindliche Meinungsäußerungen R.s? Franz Stuhlhofer nennt in seiner R.-Biographie (1994, 83 ff.) drei Kriterien für einen prophetischen Anspruch: 1. die Berufung auf Gott (und nicht auf die eigene Meinung) als Quelle der Voraussagen; 2. die Behauptung, etwas Sicheres oder doch zumindest sehr Wahrscheinliches voraussagen zu können; 3. die öffentliche Bekanntmachung der Voraussagen. Wie Stuhlhofer durch eine detaillierte Quellenanalyse nachgewiesen hat, treffen alle drei Kriterien auf R. (und seine Nachfolger) zu, auch wenn – meist im Nachhinein, d.h. nach dem Nichteintreffen der Voraussagen - die Wachtturm-Gesellschaft auf unterschiedliche Weise versucht hat, den prophetischen Anspruch abzumildern. So wird nach einer langen Reihe enttäuschter Erwartungen in den 1985 herausgegebenen "Unterredungen anhand der Schriften" gesagt: "Jehovas Zeugen behaupten nicht, inspirierte Propheten zu sein. Sie haben Fehler gemacht.". Doch dann wird dieses Zugeständnis gleich wieder eingeschränkt: "Änderungen des Standpunktes in bezug auf bestimmte Angelegenheiten sind verhältnismäßig geringfügig gewesen, gemessen an den wichtigen biblischen Wahrheiten, die Jehovas Zeugen erkannt und veröffentlicht haben" (S. 149).

Die Bibel nennt einen eindeutigen Maßstab, um einen >falschen Propheten zu erkennen: "Wenn der Prophet redet in dem Namen des Herrn und es wird nichts daraus und es tritt nicht ein, dann ist das ein Wort, das der Herr nicht geredet hat" (5. Mose 18, 22). Bei R.s Voraussagen handelt es sich ganz offensichtlich um Falschprophetie – und dennoch hielten nach 1914 viele an seinen Lehren fest oder deuteten einzelne Punkte um. So wird von den heutigen Zeugen Jehovas die Ansicht vertreten, Christus habe 1914 den Satan aus dem Himmel geworfen und dadurch auf Erden den Ersten Weltkrieg ausgelöst. Aus einer Prophezeiung des Heils, nämlich der Aufrichtung des Reiches Jehovas auf Erden, wurde eine Prophezeiung größten Unheils gemacht und diese damit in ihr Gegenteil verkehrt. Die Aussage, welche in einer späteren Schrift der Zeugen Jehovas über falsche Propheten getroffen wurde, findet letztlich in R. – und nicht nur in diesem - ihre frappierendeste Erfüllung. In dem Buch "Das Paradies für die Menschheit durch die Theokratie wiederhergestellt" lesen wir auf Seite 355: "Jehova, der Gott der wahren Propheten, wird alle falschen Propheten in Schande geraten lassen, entweder dadurch, dass er die falsche Voraussage solcher Propheten, die sich dieses Amt selbst anmaßen, nicht erfüllen lässt oder indem er seine eigenen Prophezeiungen auf eine Weise verwirklicht, die zu derjenigen der falschen Propheten im Gegensatz steht. Falsche Propheten werden den Grund für ihre Schande zu verbergen suchen, indem sie verleugnen, wer sie wirklich sind."

S. auch: Zeugen Jehovas; Wachtturm-Gesellschaft; Endzeit-Berechnungen; >Adventisten; Ganztod-Lehre; Loskaufopfer; Dreieinigkeit; Rutherford, Joseph Franklin; Knorr, Nathan Homer.

Lit.: F. Graf-Stuhlhofer; Charles Taze Russell, 1994; L. Gassmann, Zeugen Jehovas, 2000.

Lothar Gassmann


HANDBUCH ORIENTIERUNG:
Religionen, Kirchen, Sekten, Weltanschauungen , Esoterik

Urheber und Redaktion: Dr. Lothar Gassmann

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