Pragmatismus

 Beim Pragmatismus (gr. pragma, Tat, Handlung) ist es zweckmäßig, zwischen einer Bedeutung des Wortes im weitesten Sinne und einem engeren Sinne zu unterscheiden.

Pragmatismus im weitesten Sinne meint ein Absehen von einer vorgegebenen Wahrheit zugunsten der Nützlichkeit. Demnach ist wahr, was der Bewältigung von Problemen, die sich gerade stellen, dient. Damit wird das Handeln wichtiger als Denken und Erkennen. Wahr ist, was sich gerade bewährt. Programmatisch hat dieses Verständnis von Pragmatismus Friedrich >Nietzsche geprägt:

"In dem Augenblick, wo ein Begriff seinen biologischen Wert, seine praktische Bedeutung verliert, erscheint ein neuer. Wahrheit ist nicht etwas, das da wäre und das aufzufinden, zu entdecken wäre, sondern etwas, das zu schaffen ist."

Damit bedeutet Pragmatismus eine Variante des Skeptizismus und >Relativismus, die Preisgabe der >Wahrheit. Deshalb werden die gegebenen Verhältnisse akzeptiert und ins Gespräch gebracht bei gleichzeitigem Verzicht auf dogmatisch und axiomatisch festgelegte Standpunkte. Diese Standpunktlosigkeit wird häufig als einzige praktische Möglichkeit des friedlichen Miteinanders in einer von Meinungen, Interessen und Ideologien zerspaltenen Welt angesehen. Diese Position ist praktisch die in westlicher Gesellschaft und deren Großkirchen vorherrschende. Pragmatismus ist damit Grund- und Lebenshaltung, weniger philosophisch reflektierte Anschauung.

Pragmatismus im engeren Sinne bedeutet die spezifische Form des amerikanischen Philosophierens, die freilich eine optimistische Grundhaltung durch ihre Pioniergeneration vermitteln bekam. Der Ausdruck "pragmatism" wurde erstmals 1878 von Charles Sanders Peirce (1839-1914) aus Cambridge / Mass. verwendet. Peirce fasste Pragmatismus als Methode. "Wahrheit" ist die Meinung, der "letztendlich alle zustimmen werden, die einen bestimmten Sachverhalt untersuchen". William James (1842-1910), der in Harvard lehrte und mit Ch. Peirce befreundet war, kam von Soziologie und Psychologie her, und vertrat, im Gegensatz zu Ch. Peirce die Ansicht, auch für Aussagen der Metaphysik sei es möglich, "Wahrheit" zu konstatieren. W. James baute den Pragmatismus zu einer philosophischen Richtung aus. Nach W. James sind alle Theorien und Glaubensaussagen nur als "Instrumente, nicht als Antworten auf offene Fragen" zu verstehen. Demnach werden religiöse und moralische Glaubensüberzeugungen "wahr, insofern sie uns helfen, mit anderen Bereichen unserer Erfahrung in befriedigende Beziehungen zu treten". Pragmatismus ist, wie auch der >Empirismus, an Fakten gebunden und erfahrungsbestimmt.

John Dewey (1859-1952) hat den Pragmatismus psychologisch und soziologisch vertieft und auf gesellschaftliche und ethische Fragestellungen angewandt. Einfluss hatte J. Dewey auf die Entwicklung des amerikanischen Bildungswesens. Auch die neuere amerikanische Theologie geriet teilweise unter den Einfluss des Pragmatismus, wobei dieser für das praxisorientierte amerikanische Denken attraktiv war, so dass die theologisch-kirchliche Praxis stark betont wurde und z. B. der Befreiungstheologie einen Schub verlieh. Nach 1945 hat Theodor Wilhelm den Versuch unternommen, den Pragmatismus in die deutsche Pädagogik einzuführen.

Vordergründig hat der gegenwärtige, in westlichen Gesellschaften gepflegte Pragmatismus mit dem aus amerikanischem Philosophieren entstandenen philosophischen Pragmatismus nur noch wenig zu tun, da diesem ja gerade eine philosophische Begründung fehlt und er ethisch völlig indifferent bleibt. Pragmatismus als philosophische Richtung konnte nur in der amerikanischen Gesellschaft mit ihrem speziellen optimistischen way of life entstehen. Aber im amerikanischen durchaus noch philosophisch geprägten Pragmatismus ist die Gefahr dessen, was heutigen Pragmatismus ausmacht, bereits gegeben, da er am Nutzen orientiert ist. Pragmatismus schränkt das Leben auf praktische Aktivitäten ein, wobei das Leben nicht allein darin bestehen kann. Pragmatismus klammert die Frage nach einer verbindlichen Wahrheit aus. Pragmatismus stellt Nützlichkeit über Wahrheit. Wahrheit ist im Fluss und beständigem Wandel unterworfen. Pragmatismus – vollends in seiner heute gängigen Form – führt zu einer Relativierung der Wahrheit, zu einer Relativierung von Zucht und Sitte. Er widerspricht ganz offensichtlich in seiner weitesten Form, die zwangsläufig die heute gängige ist, der von Gott gesetzten Ordnung. Da seine relativistische Grundorientierung keine immer geltende Wahrheit zulässt, widerspricht er der Grundauffassung christlichen Glaubens. Weder Kirche noch Gemeinwesen lassen sich, entgegen der häufig vertretenen anders lautenden Ansicht, auf Dauer pragmatisch leiten.

S. auch: Apologetik; Toleranz; >Wahrheit; >Ethik.

Lit.: Amerikanischer P.: Ch. S. Peirce, The Fixation of Belief (1877), How to make Our Ideas Clear (1878); W. James, The Principles of Psychology (1890), Pragmatism. A New Name for Some Old Ways of Thinking (1907); J. Dewey, Human Nature and Conduct (²1950). Außer den Artikeln "Pragmatismus" in: EKL 3. Aufl. Bd. 3, Sp.1288-1290; ELThG Bd. 3, S. 1290-1292; RGG 3. Aufl., Bd. 5, Sp. 502-504, siehe den Artikel "Pragmatismus" von E. Elling, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 7 ( 1989), S. 1244-1249.

Walter Rominger (5)


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