Pietismus

HANDBUCH ORIENTIERUNG: Religionen, Kirchen, Sekten, Weltanschauungen, Esoterik.

1. Begriff, Entstehung und Verbreitung:

P. kommt von dem lateinischen Wort "pius". Dieses bedeutet "fromm und rechtschaffen". Damit verwandt ist das lateinische Hauptwort "pietas", "Frömmigkeit". Der Leipziger Rhethorikprofessor Joachim Feller formulierte im Jahre 1689 folgende Definition: "Was ist ein Pietist? Der Gottes Wort studiert und nach demselben auch ein heiliges Leben führt." Der Begriff "Pietist" wurde ab 1674 vereinzelt für Anhänger des Frankfurter Seniors Philipp Jakob >Spener gebraucht. Der Begriff findet sich erstmals in einem Brief Speners aus dem Jahre 1680. Die Sache, um die es geht, ist jedoch älter.

Der P. entstand als Erneuerungsbewegung im 17. Jahrhundert angesichts einer aus der Reformation hervorgegangenen theologischen Richtung, die man als "Orthodoxie", d.h. "Rechtgläubigkeit", bezeichnet hatte. Letzterer warf man vor, nur noch trockene Dogmatik zu lehren, welche nicht mit Leben gefüllt war. Der Grundsatz des P. lautete dagegen: Der Glaube muss vom Kopf ins Herz dringen, er muss gelebt werden. Vor allem in Württemberg, aber etwa auch im Siegerland, im sächsischen Erzgebirge und am Niederrhein bei Wuppertal besaß der P. eine große Tradition und ist auch heute noch zahlreich vorhanden. Der P. hat die sogenannten "Stunden" und Gemeinschaften hervorgebracht mit ihren unterschiedlichsten Ausprägungen. Da gibt es z.B. die Altpietistischen Gemeinschaften, den Württembergischen Brüderbund, die Liebenzeller Gemeinschaften, die Pregizer Gemeinschaften, die Hahnschen Gemeinschaften, die Süddeutsche Vereinigung, die Chrischona-Gemeinschaften, den AB-Verein, die Evangelische Gesellschaft für Deutschland, die Siegerländer Gemeinschaften und viele andere. Alle diese gehen letztendlich auf den P. zurück. Im 19. Jahrhundert entstand unter dem Eindruck der "Großen Erweckung" (Wesley, Finney, Moody u.a.) der Neu-P. – in gewissem Gegensatz zum Alt-P., welcher sich auf die ursprünglichen pietistischen Väter stützt. Der P. lief eine Zeitlang parallel zu einer Strömung, die man die "Aufklärung " nennt. Aufklärung und P. waren – insbesondere im Blick auf die neuzeitliche Wende weg vom Autoritäts- und Kirchenglauben und hin zum Individualismus und Subjektivismus, zur inneren Religion des Herzens – wie ungleiche Zwillinge, die sich im Grunde nicht mochten und in ihren Nachfolgebewegungen bis heute bekämpfen.

2. Kennzeichen:

Im Unterschied zur Aufklärung finden wir im P. eine lebendige, verinnerlichte Religiosität, eine Herzensfrömmigkeit. Man spricht hier auch von der Pektoraltheologie. Das lateinische Wort "pectum", das Herz, steht für eine Theologie des Herzens, also der Innerlichkeit. Weiter ist die Selbstbeobachtung für den P. charakteristisch. So wurden von August Hermann Francke und anderen Pietisten Tagebücher geführt, Biographien über die eigenen Erfahrungen mit Gott. Die "Praxis pietatis", die "Frömmigkeitspraxis" trat an die Stelle einer bloßen Kopftheologie (zumindest wurde diese den Gegnern unterstellt). Besonders betont wurden >Wiedergeburt und >Heiligung, stärker als in der Theologie der Reformatoren. Eine wichtige Bibelstelle in diesem Zusammenhang ist Joh 3,3, wo Jesus spricht: "Ihr müsst von Neuem (oder auch: von oben her) geboren werden (griech: anothen genesthai)." Die Scheidung von der Welt war ein weiterer Lehrschwerpunkt. Diese nahm oft asketische und weltverneinende Formen an. Eine Konventikel-Tendenz führte zum Teil zum Separatismus (Absonderung von der Kirche). Überwiegend jedoch wollte man "Kirchlein in der Kirche" ("ecclesiola in ecclesia") sein, wie Spener formulierte.

Die bedeutendsten Vertreter des P. in der Kirchengeschichte waren: Philipp Jakob >Spener, August Hermann Francke, Gottfried >Arnold, Nikolaus Ludwig Graf von >Zinzendorf, Johann Albrecht >Bengel, Friedrich Christoph >Oetinger und Johann Michael >Hahn. Darüber hinaus waren weitere Persönlichkeiten für den P. prägend, z.B. Johann Jakob Rambach (1693-1735), Philipp Friedrich Hiller (1695-1769), Gerhard Tersteegen (1697-1769), Johann Friedrich Oberlin (1740-1826), Johann Heinrich Jung-Stilling (1740-1817), Aloys Henhöfer (1789-1862), Ludwig Hofacker (1798-1828), Christian Gottlob Pregizer (1751-1824) und Johann Christoph Blumhardt (1805-1880).

3. Zwischen Revolution und Sektiererei. Der frühe P. in der Sicht seiner Gegner:

Der P., der ursprünglich als Reform- und Erneuerungsbewegung auf den Plan trat, rief von Anfang an bis heute zahlreiche Gegenschriften, Stellungnahmen, Verordnungen und Verbote hervor. Widerstand erfuhr er von verschiedenen Seiten: von der Orthodoxie ebenso wie von der Aufklärung, von Kirchenleitungen ebenso wie von Regierungen. Zu den frühen Gegnern des P. zählen z.B. der Danziger Professor Daniel Schel (g)wi (n)g (1643-1715) mit seiner Schrift "Die sektiererische Pietisterei" (1696/97) und der Dresdner Superintendent Valentin Ernst Löscher (1673-1749) mit seinem "Vollständigen Timotheus Verinus" (1718/21). Als Beispiel, welche Kritikpunkte man dem frühen P. entgegenhielt, gebe ich (in eigener, verständlicherer Formulierung) einige Auszüge aus der "Verordnung gegen den P." des Konsistoriums von Braunschweig-Lüneburg aus dem Jahre 170341 wieder (mit eigenen Anmerkungen in Klammern). Der aufmerksame Leser wird selber feststellen, dass etliche dieser Vorwürfe zwar auf Vertreter eines "radikalen" oder mystischen P. zutreffen, aber z.B. nicht auf die nüchterne und gemäßigte Richtung in der Linie eines Spener oder Francke. Folgende Punkte wurden den Pietisten vorgehalten:

Allgemein wurde den Pietisten vorgehalten, sie setzten die Bekenntnisschriften der Reformatoren herab und verurteilten undifferenziert alle >Philosophie. Zusammenfassend sei vermerkt: Diese Vorwürfe treffen sicherlich zum Teil zu, allerdings wurde in ungerechtfertigter Weise immer wieder verallgemeinert. Später hat man dann versöhnlichere Töne angestimmt, etwa in Württemberg in Form des Pietisten-Reskripts von 1743.

3. Stimmen aus der P.-Forschung:

a. Emanuel Hirsch:

Geradezu klassisch geworden ist Emanuel Hirschs Aufsatz "Die Grundlegung der pietistischen Theologie durch Philipp Jakob Spener" aus dem Jahre 1951. Wie der Titel verrät, macht Hirsch die Anfänge des P. an einem theologischen System fest, wie es Spener in den "Pia Desideria" (1675) dargestellt hat. Der Spenersche P. ist für ihn eine Bewegung zur Erneuerung von Theologie und Kirche aus dem Rechtfertigungsglauben heraus, der in die individuell-persönliche Erfahrung überführt wird. Spener knüpft laut Hirsch also an die lutherische Rechtfertigungslehre an. Die lutherische Orthodoxie betrachtete den Glauben als Vollendung der Buße des sich bekehrenden Sünders. Dieser Glaube wird in der Wiedergeburt durch den Heiligen Geist empfangen und führt zur Vereinigung mit Gott, zur Heiligung und Erneuerung. >Heiligung ist die täglich erneuerte Rechtfertigung, die dem Menschen ohne sein Verdienst imputativ (durch göttliche Zurechnung) zuteil wird. Der Mensch bleibt auf die dauernde Vergebung Gottes angewiesen. Spener führt diese Lehre weiter und betont den Praxisbezug. Die praxis pietatis (Frömmigkeitspraxis) wird für ihn gegenüber einer teilweise in Dogmen erstarrten Orthodoxie wichtig. Auch geht Spener über die Orthodoxie hinaus direkt auf Luther zurück, wenn er – im Unterschied etwa zu Hollaz – die Reue nicht auf die Wirkung des Gesetzes, sondern auf das Evangelium zurückführt. Nach Hirsch will der Spenersche P. nicht den Rechtfertigungsglauben verdrängen, sondern ihn so tief in den Lebensgrund des Einzelnen einsenken, dass er den ganzen Menschen von innen her bestimmt und regiert. Mit dieser Betonung eines kirchlichen, von Luthers Rechtfertigungslehre her geprägten P. ist Hirsch von einer Position abgerückt, die er noch im Jahre 1922 vertreten hatte. In dem Beitrag "Zum Verständnis Schwenckfelds" hatte er Spener in die Tradition des mystischen (und meist separatistischen) >Spiritualismus eingeordnet und in die Linie Kaspar Schwenckfelds und Christian Hoburgs gestellt.

b. Martin Schmidt:

Eben diese Zuordnung Speners zum mystischen Spiritualismus nimmt Martin Schmidt in zwei Aufsätzen über "Speners Wiedergeburtslehre" und "Speners 'Pia Desideria`" aus dem Jahre 1951 vor. Nicht auf die Rechtfertigung, sondern "auf die Wiedergeburt des Einzelnen läuft alles hinaus", meint Schmidt unter Hinweis z.B. auf die Pia Desideria und die Spenerschrift von 1701: "Der hochwichtige Articul von der Wiedergeburt". Die Wiedergeburt – so Schmidt – ist von der Rechtfertigung scharf abzugrenzen, zugleich aber geht die Rechtfertigung in die Wiedergeburt auf. Die Wiedergeburt ist die Erschaffung einer neuen Art im Menschen durch Gottes Geist (vgl. Joh 3,1 ff.). Ihre Kennzeichen sind Passivität (Gott wirkt), Innerlichkeit, Anfechtung, Hoffnungslosigkeit der menschlichen Situation an sich sowie Gotteskindschaft. Während in der lutherischen Orthodoxie die Wiedergeburtslehre nur ein Teil des ordo salutis (der Heilsordnung) ist, umfängt sie bei Spener den gesamten Heilsprozess – nach Schmidt ein Hinweis auf spiritualistische Einflüsse beim Verfasser der Pia Desideria. Bereits Kaspar Schwenckfeld (1489-1529) hatte die Innerlichkeit und die Einwohnung Christi in den Gläubigen betont. In seiner Nachfolge hatte sich der mystisch-spiritualistische Separatist Christian Hoburg (1607-1675) in seiner 1644 veröffentlichten Schrift "Spiegel der Mißbräuche beim heutigen Predigtamt" gegen den imputativen Charakter der melanchthonischen Rechtfertigungslehre ausgesprochen. Der Christus pro nobis (Christus für uns) genüge nicht; auf den Christus in nobis (Christus in uns) komme es an. Rechtfertigung sei Fiktion, Wiedergeburt dagegen eine Tatsache. Rechtfertigung übertünche das Fleisch, Wiedergeburt verwandle es. Auch der eher kirchlich geprägte Theophil Großgebauer (1627-1661) forderte in seiner 1661 erschienenen "Wächterstimme aus dem verwüsteten Zion" Herzensänderung, Wiedergeburt und wahre Gottseligkeit. Er erwartete davon die Reform der Kirche, während Hoburg zum Auszug aus "Babel" aufrief. Spener, der bereits 1662 das Buch Großgebauers kennen gelernt hat, berührt sich zwar mit Hoburg in der Forderung nach Wiedergeburt des Einzelnen, hält jedoch mit Großgebauer an der sichtbaren Kirche und deren Reformfähigkeit fest.

c. Johannes Wallmann:

Johannes Wallmann hat eine Vielzahl von Schriften und Aufsätzen zur P.forschung herausgegeben, darunter die umfangreiche Monographie "Philipp Jakob Spener und die Anfänge des P." (1986). Im folgenden versuche ich, einige Grundzüge seiner Forschungen zusammenzufassen.

Wallmann unterscheidet zwischen einem engen und einem weiten P.begriff. Der enge P.begriff, wie ihn etwa Martin Schmidt und die "Historische Kommission zur Erforschung des P." vertreten, konzentriert sich auf den lutherisch geprägten deutschen P. seit Spener. Schlüsseljahr ist die Veröffentlichung der Pia Desideria 1675. – Der weite P.begriff schließt Vorläufer und parallele Bewegungen zu Spener und dem deutschen lutherischen P., etwa in England und den Niederlanden, ein.

Wallmanns Definition orientiert sich am weiten P.begriff. Für ihn ist der P. eine im 17. Jahrhundert entstehende und im 18. Jahrhundert zu voller Blüte gelangende religiöse Erneuerungsbewegung im kontinentaleuropäischen Protestantismus, die sich gleichermaßen in der lutherischen und in der reformierten Kirche findet. Sie ist gekennzeichnet durch Individualisierung und Verinnerlichung des Glaubens, neue Formen gemeinschaftlichen Lebens sowie Reformen in Theologie und Kirche. Verwandte Elemente finden sich nach Wallmann im katholischen Quietismus (Michael Molinos: 1640-1696) und Jansenismus (Blaise Pascal: 1623-1662), im jüdischen Chassidismus, im englischen Puritanismus (William Perkins: 1558-1602) sowie im niederländisch-reformierten Protestantismus (William Teelinck: 1579-1629; Jean de Taffin: 1530-1602; Jodocus von Lodenstein: 1620-1677; Theodor Undereyck: 1635-1693).

An eine These Kurt Dietrich Schmidts (1928) anknüpfend, schreibt Wallmann dem niederländisch-reformierten Pfarrer und (seit 1669) Separatisten Jean de Labadie (1610-1674) großen Einfluss auf Spener zu, insbesondere was die Einrichtung der collegia pietatis (Frömmigkeitskonventikel) und die Eschatologie angeht. Durch Vermittlung von Anna Maria van Schurman (1607-1678) und Johann Jakob Schütz (1640-1690) sei Spener der labadistische Gedanke nahegebracht worden, die (in Frankfurt/Main bereits seit 1670 bestehenden) collegia pietatis ab 1674 in Versammlungen nach dem urchristlichen Vorbild von 1. Kor 14 umzuwandeln, in denen nicht mehr Erbauungsschriftsteller (z.B. Lewis Bayly, Joachim Lütkemann und Nicolaus Hunnius) gelesen, sondern unmittelbar die Bibel betrachtet wird. Auch Speners "chiliastische" Zukunftshoffnung mit der Erwartung der baldigen Judenbekehrung und des Falls von Babel-Rom habe seine Wurzeln bei Labadie.

Was den lutherischen P. betrifft, schließt sich Wallmann einer These Wilhelm Koepps (1912) und F. E. Stoefflers (1966) an und baut diese weiter aus. Sie lautet: Nicht Spener, sondern Johann Arndt (1555-1621) ist der Vater des lutherischen P.. Arndt prägte in seinen Erbauungsschriften - insbesondere in den "Vier Büchern vom wahren Christentum" (1605-1610) - den pietistischen Frömmigkeitstyp. Spener, der sich – etwa in den Pia Desideria – immer wieder auf Arndt bezieht, brachte die Arndtschen Ansichten in ein theologisches System und begründete die pietistische Bewegung, indem er die collegia pietatis als sozial nachweisbaren Faktor zum Leben erweckte. Arndt war von der Mystik z.B. eines Johann Tauler, eines Valentin Weigel und einer Angela de Foligno beeinflußt, was verschiedene Zitate sowie die Gliederung seiner Bücher gemäß den Stufen Reinigung (purgatio), Erleuchtung (illuminatio) und Vereinigung (unio mystica) zeigen. Und doch kommt die lutherische Orthodoxie zu ihrem Recht, indem Arndt nicht eine Heils-, sondern eine Heiligungsmystik (gottseliges Leben aufgrund Glaube und Rechtfertigung) vertritt. Nach Arndts Tod teilten sich seine Schüler in einen rechten Flügel mit einem innerkirchlichen Reformanliegen (Johann Valentin Andreae: 1586-1654; Paul Egard: gest. 1655) und einen linken Flügel mit einem kirchenkritischen Spiritualismus (Melchior Breler: 1589-1627; Christian Hoburg: 1607-1675; Friedrich Breckling: 1629-1711).

Wallmann wendet sich gegen den historischen Ansatz Kurt Alands, der den Anfang des P. mit der Wirkung von Speners Pia Desideria begründen will. Die Wirkung der Pia Desideria – so Wallmann – ist aber zunächst gar nicht so groß gewesen, wie immer behauptet wird, was sich z.B. daran zeigt, dass sie bis 1706 nur fünf Auflagen erlebt hat. Sie kann mit der Verbreitung von Arndts "Wahrem Christentum" nicht konkurrieren. Ihre Wirkung gleicht nicht einem "Flächenbrand", sondern einer "Anzahl stiller Feuer", die an mehreren Orten entzündet wurden und entweder verlöschten oder – v.a. in Leipzig und später Halle (August Hermann Francke) oder Württemberg - weiterglimmten.

Ebenso wendet sich Wallmann gegen den theologiegeschichtlichen Ansatz Martin Schmidts, der bei Spener ein neues theologisches Konzept der Wiedergeburt zu entdecken glaubt. Demgegenüber stellt Wallmann die These auf: Das eigentliche Hauptanliegen und Thema für Spener ist nicht die Wiedergeburt, sondern die Erneuerung, also der neue Lebensstand des Wiedergeborenen. Die Wiedergeburt bezeichnet den Eingang und Grund des Christenstandes, die Erneuerung bezeichnet dessen Fortsetzung, Wachstum und Vervollkommnung. Die Erneuerung ist die Folge der Wiedergeburt. Bekehrung und Wiedergeburt sind laut Wallmann nicht Kern, sondern Voraussetzung des Spenerschen Programms. Speners Wiedergeburtslehre hält fest an der melanchthonisch geprägten Rechtfertigungslehre des orthodoxen Luthertums und erweitert diese zum Effektiven hin. Die Betonung liegt auf der praxis pietatis (praktizierte Frömmigkeit). Die Wiedergeburt wird als augenblickliches Ereignis abgegrenzt von der Erneuerung als prozesshaftem Geschehen. So wird der Gegensatz zum mystischen Spiritualismus eines Kaspar Schwenckfeld und Christian Hoburg deutlich, welche die Wiedergeburt als fortdauernden "Heilsprozess" betrachteten.

Als wesentliche Neuerungen Speners gegenüber der lutherischen Orthodoxie nennt Wallmann zum einen den Ersatz der Naherwartung des Jüngsten Tages durch die "chiliastische" Hoffnung besserer Zeiten, die hier auf Erden nach dem Fall des päpstlichen Rom und der Judenbekehrung eintreten sollen. Zum anderen legt er den Schwerpunkt seiner Hoffnungen nicht auf die Reform der ganzen Volkskirche mit Hilfe des landesherrlichen Kirchenregimentes, sondern in erster Linie auf die Sammlung der Frommen ("Pietisten") in kleinen Kreisen: in der ecclesiola in ecclesia (Kirchlein in der Kirche), die sich verwirklicht in Gestalt der collegia pietatis. Katechetisch geprägte private Erbauungsversammlungen – quasi Vorstufen der Spenerschen collegia pietatis – gab es bereits vor Speners Frankfurter Zeit, z.B. bei Theodor Undereyck, dem Begründer des P. in der reformierten Kirche, etwa seit 1661 in Mülheim/Ruhr. Ebenfalls im reformierten Bereich propagierte 1668 (also ein Jahr vor seiner Separation) Jean de Labadie in seiner Schrift "L` Exercice prophétique" die Einführung apostolischer Kirchenversammlungen nach dem Vorbild von 1. Kor 14 sowie eine chiliastische Zukunftshoffnung mit der Erwartung der baldigen Judenbekehrung und des Falls von Babel. Im lutherischen Bereich fanden sich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts vereinzelt Privatversammlungen neben dem Gottesdienst (Görlitz, Butzbach, Lübeck, Hamburg), die jedoch separatistische Tendenz zeigten. Erst Spener verhalf dem Gedanken der collegia pietatis im kirchlichen Bereich, jedoch unter ständiger Abwehr des Separatismus-Verdachts zum Durchbruch. Er tat dies, indem er sie - laut Wallmann auf Anraten von Freunden (v.a. den von Labadie beeinflußten Johann Jakob Schütz) – seit August 1670 regelmäßig praktizierte und sich der Gedanke von Frankfurt in andere Orte ausbreitete.

Im Jahre 1994 erschien aufgrund der Initiative von Johannes Wallmann eine bereits 1930 fertiggestellte und zeitweise verschollene Dissertation von Werner Bellardi, in welcher anhand von Quellen der Nachweis geführt wird, dass sich sogar schon im 16. Jahrhundert bei Zwingli, Calvin, Lasci, Franz Lambert und Martin Bucer Vorstufen der collegia pietatis finden, so dass dieser – letztlich auf Luthers drittes Kirchenmodell zurückgehende - Gedanke bei Spener keineswegs so revolutionär neu ist (W. Bellardi, Die Vorstufen der Collegia pietatis bei Philipp Jacob Spener, 1994).

d. Kurt Aland:

Kurt Aland hat Johannes Wallmann in mehreren Punkten heftig widersprochen. Für ihn bedeutet Spener "den Anfang des lutherischen P. in Deutschland" (Philipp Jacob Spener und die Anfänge des Pietismus, 1979, 157). Im Gegensatz zu Wallmanns Behauptung, die collegia pietatis seien durch die Initiative "gottseliger Freunde" angeregt worden, verweist Aland auf eine Predigt Speners vom 3. Oktober 1669, die seines Erachtens den Anstoß dazu gab. Zur Idee der collegia pietatis nach 1. Kor 14 war Spener nicht erst durch Labadie und Schütz, sondern durch eigenes Nachdenken in Anlehnung an einen Vorschlag Luthers angeregt worden. In seiner Vorrede zur "Deutschen Messe" und an anderen Stellen hatte sich der Reformator für eine ecclesiola in ecclesia sowie für die Wiedereinführung von Ordnungen nach dem Vorbild von 1. Kor 14 ausgesprochen, die er allerdings an den Gottesdienst gebunden wissen wollte (1979, 171 ff.). Bezüglich der "Hoffnung besserer Zeiten" – so meint Aland – kann man nicht wie Wallmann von "Chiliasmus" reden, sondern höchstens von einem Aufschub der Naherwartung durch die Judenbekehrung und den Sturz Roms. Zu den eschatologischen Lehren ist Spener nicht erst durch Labadie, sondern bereits durch seine Dissertation über Offb 9,13-21 angeregt worden, die er im Jahre 1664 abschloss. Der Einfluss von Labadie und Schütz auf Spener, so Alands Meinung, wird von Wallmann stark überschätzt (1979, 179 ff.).

e. Erich Beyreuther:

Beyreuther führt die Wurzeln des P. bis auf Jakob Böhme (1575-1624) zurück: "Böhme gehört zu den vorbereitenden Mächten, die die Dynamik des P. erheblich mit auslösten" (Geschichte des Pietismus, 1978, 33). Böhmes Pansophie, die zum Teil frei spekulierend war und nicht mehr der Lehre Luthers entsprach, prägte die pietistischen Väter in unterschiedlichem Maß: am meisten wohl Oetinger, am wenigsten Spener. Diesen hielt seine Nähe zu Luther vor theosophischen Spekulationen zurück (1978, 27 f. 33). Einen ungleich größeren Einfluss auf den P. und insbesondere auf Spener schreibt Beyreuther – hier mit Wallmann übereinstimmend – Johann Arndt zu, der seine mystischen Ansichten einer lutherischen Revision unterzog (1978, 33 ff.). Beyreuther sucht die Thesen E. Hirschs und M. Schmidts miteinander zu verbinden, indem er behauptet, dass Spener "mit selbstverständlicher Entschiedenheit ... die lutherische Rechtfertigungslehre" vertreten hat, in die sich dann allerdings "virulentes mystisch-schwärmerisches Gedankengut" einnistete. Von einer "Überfremdung" des lutherischen Ansatzes Speners durch spiritualistische Elemente kann man aber nicht reden, hält er gegenüber Schmidt fest (1978, 87). Ebenso gegen Schmidt und mit Wallmann konstatiert Beyreuther, dass die 77 "Wiedergeburts-Predigten" Speners aus der Zeit von 1670-1699 nicht speziell vom Vorgang der Wiedergeburt, sondern vom "neuen Leben" im Sinn der paulinischen Aussagen handeln. "Wäre das Thema von der Wiedergeburt das Zentralthema in Speners Theologie und Frömmigkeit, so ist nicht recht zu begreifen, daß er ihm in seinem Gesamtschaffen in der Öffentlichkeit so wenig Raum eingeräumt hätte" (1978, 359). Überhaupt liegen Rechtfertigung, Wiedergeburt und Erneuerung unzertrennlich ineinander. Im Unterschied zum Spiritualismus hat Spener die Wiedergeburt nicht im naturalistischen Sinn verstanden (1978, 109. 120). Ebenfalls im Unterschied zum Spiritualismus betont Spener die bleibende Verbindung zur Kirche und die Verankerung in der Reformation Martin Luthers. Die collegia pietatis kamen aufgrund einer Predigt Speners am 3. Oktober 1669 zustande (1978, 92 f.). Bei der in den Pia Desideria zugrundegelegten Eschatologie handelt es sich um einen "Chiliasmus subtilis", eine "Akzeptanz des `Tausendjährigen Reiches`, wenn auch nicht in der gröbsten und sinnlichsten Form" (1978, 96).

f. Eigene Wertung:

Die oben skizzierte Diskussion zeigt, dass man mit monokausalen, einseitigen Erklärungsversuchen nach dem Schema "Entweder – Oder" nicht weiterkommt: entweder mystisch-spiritualistische Wiedergeburtslehre oder lutherisch-orthodoxe Rechtfertigungslehre; Initiative zur Gründung der collegia pietatis entweder von Spener oder von seinen Freunden; entweder Einfluss von Labadie oder eigene Entdeckung Speners im Blick auf Ekklesiologie und Eschatologie... Geschichtliche Entwicklungen sind Geschehensvorgänge, die viel zu komplex sind, um sich immer solchen glatten Alternativen zu fügen. Und Gottes Geist weht, wo er will (vgl. Joh 3,8). Ausgehend von diesen Erkenntnissen und vom historischen Tatbestand, möchte ich an die oben charakterisierten Positionen folgende Anfragen stellen:

Ich möchte mit einer Bemerkung zu Johannes Wallmanns Veröffentlichungen schließen, da diese innerhalb der P.-Diskussion mit am meisten Einfluss erlangt haben. Wallmann ist sicherlich recht zu geben, wenn er zeigt, dass Spener nicht "von Null auf" angefangen hat, sondern in vielfältigen Traditionslinien steht. Insbesondere hat Wallmann den Blick ganz neu auf die Tatsache gelenkt, dass Speners Pia Desideria ja ursprünglich als Vorwort zu einem Werk Johann Arndts erschienen war und immer wieder auf diesen zurückverweist. Diese Bindung an die Tradition kann nicht genug betont werden. Jeder steht in solchen Linien der Überlieferung. Die tradierten Elemente verbinden sich freilich in dem Moment zu etwas revolutionär Neuem, wenn der angestaute Überdruss über das Alte – hier: über eine vertrocknete Orthodoxie - seine Entladung sucht und eine Integrationsfigur findet. Spener war die Persönlichkeit, die diesem Überdruss ein Ventil verschaffte und Elemente aus ganz unterschiedlichen Systemen zum Programm einer Bewegung verband, die bis heute besteht. Sie wurden von Spener selber seiner lutherischen Prägung gemäß angepasst und umgeformt.

In Wallmanns Veröffentlichungen spürt man allerdings deutlich die Tendenz, den Einfluss Speners auf die Entstehung des P. herabzusetzen. So kann er sogar von Spener und dem von Labadie beeinflussten Schütz als den "beiden Urheber (n)" des lutherischen P. reden (1986, 353). Sicherlich stand Spener mit den Persönlichkeiten seiner Zeit in lebendigem Dialog und hat Impulse vom einen oder anderen aufgenommen. Aber sollte man ihm nicht mehr Originalität im Denken – durchaus unter direktem Rückbezug auf die Bibel und die lutherischen Schriften – zugestehen, was das Ergebnis und den Gesamtentwurf seines Programms betrifft? Ich denke, dass hier Kurt Alands Kritik ein notwendiges Gegengewicht zu Johannes Wallmanns Position bildet – ähnlich wie das schon früher im Blick auf andere Themen bei Emanuel Hirsch und Martin Schmidt gewesen war.

4. P. heute – und sieben "fromme Wünsche" an ihn

Der P. befindet sich heute in einer Krise. Es ist eine Krise des Glaubens und des Lebens, die sich bei vielen seiner Vertreter in einer Anpassung an den Zeitgeist und an eine dem Zeitgeist verfallene Kirche offenbart. Die Wurzel dieser Erscheinungen liegt in einem unklaren Verhältnis zur Heiligen Schrift (Bibelkritik). Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder: Der P. geht weiter auf dem eingeschlagenen Weg. Dann verliert er mehr und mehr seine geistliche Vollmacht und wird mit der Endzeitkirche und -Gesellschaft eins, die auf das Kommen des Antichristen und seines falschen Propheten zusteuert. Dieser Weg ist der breite Weg der großen Masse, der ins Verderben führt (Mt 7,13). Je mehr der P. sich dem Denken und Geschmack der "Masse" – etwa in Gestalt einer "Volkskirche" (im Neuen Testament gibt es so etwas nicht!) – anpasst, umso mehr wird er von dieser vereinnahmt und in seiner prophetischen Beauftragung gelähmt werden. Umso mehr verliert er seine Kraft, "Salz der Erde" und "Licht der Welt" zu sein (Mt 5,13 ff.). Umso mehr wird er "lau" werden - und der HERR wird ihn – wie die Gemeinde von Laodizäa – "ausspucken" aus seinem Munde (Offb 3,16). Oder: Der P. kehrt um. Er nimmt die Heilige Schrift und das Erbe der Väter ernst, die in ihrer Zeit die Menschen aus einer oberflächlich gewordenen Orthodoxie zu einer Vertiefung ihres Glaubenslebens riefen. Dies wird sicherlich nicht der Weg der Mehrheit – auch nicht innerhalb des P. – sein, aber es ist der schmale Weg (Mt 7,14) der kleinen Schar, der in der Endzeit eine besondere Verheißung hat: "Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn es hat eurem Vater wohlgefallen, euch das Reich zu geben" (Lk 12,32).

Wie kann diese Umkehr aussehen? In Anknüpfung an Philipp Jakob Speners programmatische Schrift nenne ich sieben "fromme Wünsche" (lat.: "Pia Desideria") an den P. (also nicht: des P.). Unter die Adressaten reihe ich mich ausdrücklich ein, denn ich weiß sehr gut um meine eigene Unvollkommenheit.

Wir sollten nichts zur Bibel hinzufügen und nichts von ihr wegnehmen (Offb 22,18 f.). Das heisst konkret: Wir sollten philosophische und theosophische Spekulationen (das sind Hinzufügungen!) ebenso vermeiden wie die Infragestellung und Verkürzung des Wortes Gottes durch jegliche Form von Bibelkritik. Und vor allem: Wir sollten nicht so tun, als akzeptierten wir die Bibel als Gottes Wort, wenn sie uns etwas für unser Leben und unseren Glauben zu sagen hat, aber in allen anderen Fragen (Geschichte, Naturwissenschaft, Schöpfung) sei sie ohne Bedeutung oder Kompetenz. Sicherlich: Die Bibel möchte kein Naturkundebuch oder Geschichtsbuch im geläufigen Sinne sein, sondern ein "Glaubensbuch" (Joh 20,30 f.). Aber wo sie etwas über die Natur und die Geschichte berichtet (und das ist, wenn man es zusammennimmt, sehr viel!), da ist sie genauso von Gott inspiriert wie in anderen Fragen und somit ohne Irrtum und Fehler.

Philipp Jakob Spener schreibt in seinen "Pia Desideria": "Das Wort Gottes wird das vornehmste Mittel sein, das die Kirche braucht, um in einen besseren Stand zu kommen."

Wir Pietisten sollten Acht geben, dass wir im "ökumenischen Zeitalter" nicht einen anderen Christus annehmen, etwa den "Christus in der Hostie". Wir sollten auch keinen Christus verehren, der auf einer gnostisch-kabbalistischen Stufenleiter von Geistwesen steht oder uns in mystischer Weise in einer "Ikone" begegnet. Und vor allem keinen Christus, der in einer Linie mit Show-Unterhaltern und "Lachkünstlern" zitiert wird. Denn dies ist nicht der biblische HERR Jesus Christus, sondern eine von Menschen erfundene irdische Gestalt. Bewahren wir als Pietisten doch die Ehrfurcht vor dem heiligen und allmächtigen Gott!

Philipp Jakob Spener schreibt im Gegensatz zu den heutigen ökumenischen Bemühungen, auch unter Pietisten und Evangelikalen: "Wir können einmal Gott nicht genügend Dank für solche Wohltat sagen, dass Er uns durch das selige Reformationswerk ... aus der Römischen Babylonischen Gefangenschaft herausgeführt und in die selige Freiheit gesetzt hat."

Gute Werke sind nicht Voraussetzung der Errettung, sondern deren - geschenkte und notwendige! – Folge (Jak 1,22 f.; 2,14 ff.). Das schließt jede Werkheiligkeit und selbstauferlegte Gesetzlichkeit ebenso aus wie die Vernachlässigung guter Werke und die "billige Gnade". Sowohl der Perfektionismus (selbstgemachte Vollkommenheit) als auch der Libertinismus (Freizügigkeit und Zügellosigkeit) sind unbiblisch und vom Übel. Beide Strömungen gab und gibt es im P.. Stattdessen sollte beachtet werden, dass Rechtfertigung, Wiedergeburt und Geistestaufe nicht verschiedene Stufen im Leben des Christen sind, sondern dass sie aufgrund des Gnadenwirkens Gottes am menschlichen Herzen Hand in Hand gehen, wobei die Erneuerung ein fortschreitender Prozess ist, der als Folge von Rechtfertigung, Wiedergeburt und Geistestaufe durch die Einwirkung des Heiligen Geistes im Gläubigen erfolgt.

Kaum jemand hat dies besser auf den Punkt gebracht als wiederum Spener: "Wir erkennen gern, dass wir einzig und allein durch den Glauben selig werden müssen und dass die Werke oder gottseliger Wandel weder viel noch wenig zu der Seligkeit tun, sondern solche allein als eine Frucht des Glaubens zu der Dankbarkeit gehören, in der wir Gott verbunden sind, da er bereits unserem Glauben die Gerechtigkeit und Seligkeit geschenkt hat. Und es sei fern von uns, von dieser Lehre nur einen Fingerbreit zu weichen. Lieber wollten wir das Leben und die ganze Welt fahren lassen, als das Geringste von derselben zurücklassen."

Wir sollten keine Formen, Mittel und Methoden in Gottesdienst und Evangelisation verwenden, die von diesem Wort ablenken oder gar in Widerspruch zu ihm treten. Konkret ergeben sich folgende Fragen: Stellen "Rahmenprogramme", die der Fernseh-Unterhaltungskultur entnommen sind, das "Wort vom Kreuz", das für diese Welt ein "Ärgernis" ist (1. Kor 1,18 ff.), nicht auf die Ebene dieser Welt? Beseitigen sie damit nicht den Anstoß des Kreuzes Christi und machen es "weltförmig"? Geht damit nicht die eigentliche Bedeutung des Kreuzes Christi – und damit das Heil! – verloren? Kommt es nicht von daher, dass wir heute in vielen unserer Gemeinden ein verweltlichtes, fleischliches Christentum erleben, das letztlich kein Christsein im biblischen Sinne mehr ist? Sicherlich ist es dem allmächtigen Gott nicht unmöglich, auch durch unpassende Umstände und Methoden Menschen anzusprechen und zu erretten (vgl. Phil 1,15-18). Aber sollten wir nicht doch zur Klarheit und Schlichtheit des biblischen Evangeliums und einer entsprechenden Umrahmung (z.B. durch biblisch tiefgründige und in angemessener Weise, ohne übergroße Lautstärke vorgetragene Lieder) umkehren?

Spener schreibt zur Frage des verweltlichten und fleischlichen "Christentums": "Wie viele gibt es, die ein so offenbar unchristliches Leben führen ... und sich mit fester Zuversicht einbilden, sie könnten ungeachtet dessen selig werden? Fragt man, worauf sich dasselbe gründe, so sagen sie, sie glaubten ja an Christus ... Sie haben eine fleischliche Einbildung ihres Glaubens ... welches ein so schrecklicher Betrug des Teufels ist, wie es kaum einen vergleichbaren Irrtum geben mag, einem solchen Hirngespinst eines selbstsicheren Menschen die Seligkeit zuzuschreiben."

Tendierte man früher eher zur "Wahrheit ohne Liebe", so ist in unserer harmoniebedürftigen Zeit das Pendel stark in die entgegengesetzte Richtung ausgeschlagen. "Um der Liebe" willen wird fast jedem recht gegeben und die Wahrheit verschwiegen. Diese Tendenz macht auch vor uns Pietisten nicht Halt. Wer sich auf Gottes Wort beruft und es wagt, Irrlehren und Missstände beim Namen zu nennen, wird – auch in pietistischen Kreisen – unter Umständen schnell als "Friedensstörer" und "Querulant" gebrandmarkt. Können wir die Wahrheit nicht mehr ertragen? Wir haben doch die Heilige Schrift, die uns in den grundlegenden Fragen klare Wegweisung gibt! Wenn wir es nicht mehr wagen, uns auf die Bibel zu berufen, geben wir nicht nur die Wahrheit, sondern den HERRN selber preis! Wir wollen es ganz neu lernen, uns mutig zu Gott und Seinem Wort zu bekennen und dieses in Liebe, aber klar und unverkürzt weiterzusagen!

Spener schreibt hierzu: "Um bei uns selbst die Wahrheit zu erhalten und auch sie den noch Irrenden beizubringen, ist das Disputieren nicht genug, sondern die heilige Liebe Gottes ist notwendig."

Haben Pietisten nicht jahrelang gesagt: "Wir harren noch aus, aber wenn die Homo-Segnung kommt, treten wir aus."? Jetzt ist die Homo-"Segnung" in etlichen Kirchen da – und was geschieht? Einige treten tatsächlich aus, von anderen werden neue Durchhalteparolen ausgegeben. Wer schweigt, macht sich mitschuldig. Auch wer bleibt, macht sich mitschuldig, wenn er durch sein Bleiben Sünde gutheißt und für andere ein falsches Signal setzt. Jeder prüfe sich selbst im Angesicht Gottes und im Licht Seines Wortes, wie er sich in dieser endzeitlichen Situation verhalten soll.

Die Kirche zur Zeit von Philipp Jakob Spener war – trotz aller Missstände auch damals – noch nicht in einen solchen offensichtlichen Gegensatz zu Gottes Wort getreten, wie dies heute der Fall ist. Spener besaß noch Hoffnung für eine Reform der Kirche, die dann zum Teil auch eintrat. Gibt es auch heute noch solche Hoffnung? Ich wage es zu bezweifeln, da wir in einer endzeitlichen Lage stehen und die Zeichen der Zeit (z.B auch in Israel !) sich erfüllen.

Wie gerade erwähnt: Die Zeichen mehren sich, dass der HERR bald wiederkommt und Seine Gemeinde um sich schart. Wir sollten allerdings nicht in den Fehler einiger pietistischer "Väter" verfallen, die Wiederkunft Jesu Christi berechnen zu wollen. Alle, die dies versucht haben, haben sich geirrt. Dies musste so geschehen, da ein solches Handeln Gottes Wort widerspricht (Mt 24,36; Apg 1,7). Lasst uns stattdessen allezeit wachsam sein und noch andere Menschen in Wort und Tat zur Nachfolge Jesu einladen: durch Mission, Evangelisation und Diakonie, wie dies die Heilige Schrift gebietet und wie es die Väter des P., der Erweckungsbewegung und der Gemeinschaftsbewegung immer getan haben.

Philipp Jakob Spener schreibt hierzu: "Vielmehr ist zu hoffen, dass mit heiligem Eifer gleichsam in die Wette die gesamte aus Juden und Heiden versammelte Kirche Gott in einem Glauben und dessen reichen Früchten dienen und sich aneinander erbauen werde."

Lit.: L. Gassmann, Pietismus – wohin? Neubesinnung in der Krise der Kirche, 2003 (dort zahlreiche Literaturhinweise).

Lothar Gassmann


HANDBUCH ORIENTIERUNG:
Religionen, Kirchen, Sekten, Weltanschauungen , Esoterik

Urheber und Redaktion: Dr. Lothar Gassmann

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