Mormonen

HANDBUCH ORIENTIERUNG: Religionen, Kirchen, Sekten, Weltanschauungen, Esoterik.1. Grundsätzliches zu den Mormonen

Die Mormonen fallen schon durch ihre gewichtige Selbstbezeichnung auf: "Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage". Die im ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts gegründete Glaubensgemeinschaft der Mormonen hat im nordamerikanischen Staat Utah, in Salt Lake City, ihr Zentrum. Das typisch Nordamerikanische zeigt sich im pragmatischen und von Pioniergeist geprägten Charakter dieser "Kirche", bei der Repräsentation und Fortschritt, aber auch Volksnähe gross geschrieben sind.

2. Der Gründer und die Quellen seiner Lehre

Der 1805 in Sharon, Vermont, geborene Bauersohn Joseph Smith stammte aus bescheidenen Verhältnissen. Smith wurde von der Tatsache der Existenz verschiedener Denominationen sehr verunsichert. Durch verschiedene Visionen, in denen ein gewisser "Engel" mit Namen Moroni eine große Rolle spielte, erhielt Smith angeblich Anweisungen zur Auffindung von geheimnisvollen "Goldenen Platten" in der Nähe des Dorfes Manchester, New York. Die in Geheimschrift abgefassten Texte vermochte Smith mit einer dazu gelieferten Brille zu übersetzen. Das auf den "Goldenen Platten" Geschriebene, vor allem aber auch die an Smith ergangenen Privatoffenbarungen bilden die lehrmäßige Substanz zu dem aus 15 Büchern bestehenden "Buch Mormon", aber auch zu den beiden Werken "Lehre und Bündnisse" ("Doctrine and Covenant") sowie zu "die Perle des großen Preises" (Pearl of great Price). Infolge der von Smith inszenierten Zerstörung einer Buchdruckerei wegen ihrer Veröffentlichung kritischer Artikel über die Mormonen landete Smith im Gefängnis. Dort wurde er von ihm feindlich gesinnten Männern 1844 erschossen.

3. Die wichtigsten Lehrpunkte der Mormonen

3.1. Das Gottesbild

a) Gott als Himmlischer Vater

Gott, der Himmlische Vater, entwickelte sich aus einem gewöhnlichen Menschen zu einem höchsten Wesen, neben welchem es aber eine große Anzahl niedrigerer Gottheiten gibt, die sich auch aus menschlichen Wesen empor entwickelt haben. Der himmlische Vater hat einen aus Knochen und Blut bestehenden Körper, auch sexuelle Bedürfnisse sind ihm eigen. Keiner der Gottheiten ist Schöpfer Himmels und der Erden. Die Materie gibt es seit Ewigkeit. Die höchste Gottheit hat lediglich die bereits bestehende Materie geordnet. Bei allen Gottheiten nimmt die Weisheit beständig zu. Deshalb kann bei Gott nicht von Allwissenheit gesprochen werden.

b) Jesus

Jesus ist ein präexistentes Geisteswesen wie alle Menschen auch. Jesu Kreuzestod hat kaum mit Tilgung von Schuld und Gerechtmachung vor Gott zu tun. Sein Kreuzestod hat in erster Linie Voraussetzungen zur Höherentwicklung der Menschen ge-schaffen. Jesus ist also nicht Versöhner zwischen dem Himmlischen Vater und den Menschen. Jesu Verdienst ist es, den Menschen eine Starthilfe zu höherer ethischer Entwicklung gegeben zu haben. Die Mormonen anerkennen die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu, attestieren ihm sogar Sündlosigkeit.

c) "Heiliger Geist"

Der "HI. Geist" ist ein reiner Geist ohne jegliche Körperlichkeit. Der "HI. Geist" wird vom "Geist Gottes" deutlich unterschieden. Der "Geist Gottes" ist in allen Menschen als eine Art mit Elektrizität zu vergleichender Kraft anwesend. Der "HI. Geist" als Person kann nur durch einen melchisedekischen Priester auf andere Menschen übertragen werden.

3.2. Das Menschenbild mit seiner Ethik

Alle Menschen befanden sich vor ihrer irdischen Verkörperung in einem Zustand reiner Geister. Der Mensch ist nach Gottes Ebenbild geschaffen. Zum wahren Menschsein gehört aber die Körperlichkeit, welche wesentlich zur Ebenbildlichkeit Gottes gehört. Nur im Zustand einer irdischen Verkörperung ist Vermehrung und Entwicklung möglich. Dank dem Sündenfall gibt es menschliche Körper und somit Vermehrung und Entwicklung. So werten die Mormonen den "Sündenfall" als ein glückliches Ereignis. Der ethische Hauptauftrag der Menschen auf Erden ist, möglichst viele Kinder zu haben, um dadurch präexistenten Seelen die Möglichkeit zur Verkörperung zu geben und in der Folge die Möglichkeit zur Höherentwicklung bis zur Stufe der Gottheit. Unverheiratete Personen haben in der mormonischen Gesellschaft einen niedrigeren Rang. Die Mormonen betonen sehr stark Ehe und Familie. Alle Erkenntnis und alles Bemühen des Menschen ist gut, wenn es dem Fortschritt dient. Unter Fortschritt ist all das zu verstehen, was das Leben des Menschen angenehmer macht. Die Mormonen halten sehr viel von einem Lebensstil, bei welchem Fleiß, Ordnung und Ehrfurcht vor dem Leben groß geschrieben sind.

3.3. Ekklesiologie (Lehre von der Kirche und dem Tempel

a) Die aaronitischen Priester

Bei den Mormonen haben wir es mit einer streng hierarchisch strukturierten Kirche zu tun, in der es gewöhnliche Priester gibt, die sog. aaronitischen Priester, aber auch ein besonderes Priestertum, das melchisedekische. Die aaronitischen Priester sind zuständig für die Belange des diesseitigen Lebens. Sie haben diakonische Aufgaben; sie predigen auch und teilen Abendmahl aus, was in säkularen Versammlungsräumen geschieht. Am Werktag tun sie Besuchsdienste unter ihren Glaubensgenossen.

b) Die melchisedekischen Priester

Ein melchisedekischer Priester kümmert sich um die Angelegenheiten des Jenseits. Er verwaltet verschiedene Sakramente, die nur im Tempel zum Tragen kommen.

c) Die geheimnisvollen Sakramente der Totentaufe, Siegelung und des Endowment

Die geheimnisvollen Sakramente im Tempel können nur durch melchisedekische Priester gespendet werden. Mit der Totentaufe können Familienangehörige oder Verwandte, die noch nicht zur Mormonengemeinschaft gehören, in diese eingegliedert werden.

Melchisedekische Priester verbinden durch die "Siegelung" Mann und Frau zu einer Ehe, die im Jenseits fortbesteht. Nur Menschen, die mit einer Frau für alle Ewigkeit versiegelt sind, können schlussendlich die Stufe der Gottheit erreichen.

Beim Endowment geht es um eine Art Katechese, also um eine Erteilung von Unterricht für verstorbene Verwandte oder Bekannte von Mormonen, welche die Lehre von Joseph Smith zu Erdenzeiten nicht kennen gelernt haben. Durch diesen Unterricht (Endowment) sollen sie noch im Jenseits für den Mormonenglauben gewonnen werden. In diesem Zusammenhang betreiben die Mormonen die weltweit größte genealogische Forschung. Hunderttausende von Adressen von Verstorbenen werden in atomsicheren Bunkern aufbewahrt.

Die Tempelzeremonien gehören zum Wichtigsten. Die Rituale sind stark von >Freimaurern beeinflusst worden. Die Tempelräume wiederspiegeln die jenseitigen Räumlichkeiten, die scharf von einander getrennt sind.

3.4. Soteriologie (Lehre von der Rettung oder vom endgültige Heil)

Die Rettung besteht im Erreichen hoher Stufen. Dazu ist für Männer das Amt des melchisedekischen Priestertums nötig und für die Frauen die Siegelung mit einem melchisedekischen Priester, so dass im Jenseits die Ehe weiterbesteht. (Eheloses Jenseits heisst soviel wie ein unglücklicher Zustand.) Dieses hohe Ziel erreicht man nur durch große ethische Anstrengungen. Schließlich ist die volle Rettung erreicht, wenn Menschen zur Stufe der Gottheit gelangt sind.

4. Werbestrategien

Die Mormonen verkaufen sich sehr gut mit ihrer fröhlichen und weltbejahenden Art. Sie pflegen Feste und Kultur, sind auf gute Schulung und soziale Leistungen bedacht. Junge Männer werden in die ganze Welt als Missionare ausgesandt. Dadurch gehen ihnen viele Türen auf. Man rechnet weltweit mit über 10 Millionen Mormonen.

5. Biblische Beurteilung

Bei den Mormonen kommt ein wichtiges Kriterium für die Zuordnung zur Sekte zum Tragen, wenn wir bedenken, dass zur HI. Schrift gleichwertig die Offenbarungen von Joseph Smith kommen (Neuoffenbarung).

Von der Bibel her ist die Idealisierung des Sündenfalls nicht haltbar. Die Schuld des Menschen vor Gott wird nicht ernst genommen. Sünde ist nach mormonischer Auffassung eben nicht die sich gegen Gott auflehnende Haltung des Menschen, sondern Schuld und Sünde werden in erster Linie als Handlungen gesehen, welche den Fortschritt hindern.

Nach der HI. Schrift ist Gott Vater nicht ein Wesen mit Knochen, Fleisch und Blut. In Joh.4,24 wird deutlich gesagt, dass Gott Geist ist, und die Ihn anbeten, müssen Ihn in Geist und Wahrheit anbeten.

Von der Ewigkeit der Materie wird in der Bibel nichts gesagt. 1.Mose 1 stellt Gottes Schöpferkraft vermittels Seines Wortes auf den Leuchter:

"Gott sprach, und es geschah."

Nirgends finden wir in der HI. Schrift eine Bestätigung für die Behauptung, der Mensch könne sich zu Gott empor entwickeln. Der Mensch mit seinem Größenwahn wird unmissverständlich in die Schranken verwiesen. Hes 28,1-9 führt uns in eindrücklicher Weise vor Augen, was mit Menschen geschieht, die sich selber vergöttern. Schließlich warnt die Bibel ernsthaft vor okkulten Machenschaften, beispielsweise in 5. Mose 18,9-14. Die Mormonenkirche betreibt mit ihren Tempelzeremonien vor allem den in der HI. Schrift verbotenen Totenkult.

Literatur: Quellen: Das Buch Mormon; William E. Berrett, Seine Kirche wiederhergestellt, 1972 (eine Darstellung aus der Sicht der Mormonen). – Kritisch: S. Leuenberger, Mormonen, Heilige der letzten Tage?, 2000 (mit Quellenangaben); H. M. Friedrich, Die gefälschte Offenbarung, 1999.

Samuel Leuenberger


HANDBUCH ORIENTIERUNG:
Religionen, Kirchen, Sekten, Weltanschauungen , Esoterik

Urheber und Redaktion: Dr. Lothar Gassmann

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