Modernismus

HANDBUCH ORIENTIERUNG: Religionen, Kirchen, Sekten, Weltanschauungen, Esoterik.

1. Modernismus als Ausdruck und Phänomen im Wandel der Zeit

Der Ausdruck modern (von lat. modo = jetzt, eben erst) bedeutet neu, neuzeitlich. Das Wort modern war im Laufe der Zeit Bedeutungs- und Beurteilungswandlungen unterworfen. Auch in Theologie und Kirche hatte es nicht immer dieselbe Bedeutung und widerfuhr ihm nicht immer dieselbe Beurteilung; Befürwortung und Ablehnung sind stark von der Position dessen der beurteilt, abhängig. Christliche Schriftsteller am Übergang von der Antike zur christlichen Kultur verstehen sich als gegenüber der Antike für fortschrittlich. Modern ist damit von den frühen christlichen Schriftstellern positiv beurteilt im Sinne von Vorherigem überlegen. Im Spätmittelalter grenzt sich die via moderna von der herkömmlichen scholastischen Theologie ab, die dann als via antiqua gilt. Die via moderna will Erkenntnis ans der Erfahrung gewinnen und entwickelt dadurch eine Erlebnisfrömmigkeit (Mystik), eine devotio moderna. Die Aufklärung im 18. Jhd. gilt als gegenüber früherem modern. Ein Überlegenheitsgefühl und ein Fortschrittsoptimismus breiten sich aus. Seit Ende des 19. Jhd.s ist der Begriff modern ausgedehnt und findet auch Anwendung auf Kunst, Literatur, Architektur und ganz allgemein auf Wissenschaft.

Der seit der Aufklärung lange Zeit herrschende Fortschrittsoptimismus ist inzwischen durch mancherlei Krisen gedämpft, so dass auch der Begriff modern nicht mehr diesen positiven Klang hat, sondern teilweise bereits negativ besetzt ist, jedenfalls auch mit Krisen in Verbindung gebracht wird. Der inzwischen geläufige Ausdruck "postmodern" deutet an, dass die als modern eingestufte Zeitepoche als zu Ende gegangen angesehen wird, so dass die Moderne von der Postmoderne abgelöst scheint, in welcher, freilich mit bedingt durch die Moderne, alles im Fluss und im Wechsel ist und die Postmoderne sich so charakterisieren ließe: "Der Wandel ist das Beständige" oder mit Paul Feyerabend: "Anything goes". Zeichen des Übergangs der Moderne in eine Zeit danach (Postmoderne) sind die Versuche holistischer Entwürfe, die die vorangehende kognitive Orientierung der Moderne durch eine ganzheitliche ersetzen wollen ("New Age"), ebenso ein weltweiter >Fundamentalismus in ganz unterschiedlichen Religionen und Kulturen, der Antwort auf die mit durch die Moderne verursachte Orientierungslosigkeit verspricht und damit der Sehnsucht nach einfacher Orientierung und Handlungsmustern entgegenkommt.

2. Modernismus im Katholizismus

In gängiger theologischer Fachliteratur wird M. zur Bezeichnung einer Kontroverse im Katholizismus gebraucht (z. B. Fachwörterbuch Theologie, S. 111; EKL, 3. Aufl., Bd. 3, Sp. 508-513; RGG, 3. Aufl., Bd. 5, Sp. 896-903, Art. Reformkatholizismus, Modernismus als Erscheinung des Reformkatholizismus). Kurz benannt wird unter M. in seiner Einschränkung auf eine bestimmte Erscheinung in der römisch-katholischen Kirche eine liberale, wissenschaftliche Reformbewegung Ende 19. / Anfang 20. Jhd., verstanden, der es darum ging, die (römisch-katholischen) Kirchendogmen mit der modernen Wissenschaft in Einklang zu bringen. M. stellt demnach einen Vermittlungsversuch zwischen römisch-katholischer Kirchenlehre und vor allem der Naturwissenschaft jener Zeit dar. Den sog. Modernisten lag daran, die römisch-katholische Kirche für die Aufklärung und neue wissenschaftliche Forschung zu öffnen, historisch-kritische Bibelforschung einzuführen (Bibelkritik), die theologische Ausbildung zu verbessern und den Gegensatz zwischen Kirche und Welt abzubauen. Einflussreich waren französische Theologen, die die Bibelkritik vertraten und Philosophen. Maurice Blondel (1861-1949) vertrat einen "Immanentismus", wonach religiöse Wahrheit subjektivem Empfinden entspringt; Alfred Loisy (1857-1930) unterschied Ergebnisse historischer Auslegung vom Dogma der Kirche. A. Loisys Hauptwerke wurden vom Heiligen Offizium verurteilt; er selbst trennte sich nach anfänglicher Unterwerfung von der Kirche und wurde 1908 exkommuniziert.

Zudem wurde der Sillonismus (franz. le sillon, "die Furche") verurteilt, welches eine Laienbewegung war, die Demokratie und Bildung in der Kirche und die Annäherung von Kirche und Republik anstrebte. Neben Frankreich gab es auch in anderen europäischen Ländern (in Deutschland durch den Modernisten Hermann Schall, 1850-1906, Religionswissenschaftler in Würzburg) und in den Vereinigten Staaten von Amerika römisch-katholische Reformbewegungen. Da eine Reduktion der Offenbarung auf die Vernunft befürchtet wurde, verurteilte Pius IX. 1864 achtzig "Irrtümer" in Religion, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft (im Syllabus-Verzeichnis). Gleichzeitig wurde die hierarchische Ordnung der römisch-katholischen Kirche gefestigt, was sich daran zeigt, dass das 1. Vatikanische Konzil (1869-1870) das Unfehlbarkeitsdogma und die unmittelbare Jurisdiktionsgewalt des Papstes beschloss. 1879 erklärte Papst Leo XIII. den Neuthomismus zur Normaltheologie. Pius X. verdammte 1907 den M. und von 1910 bis 1967 wurde der Antimodernisteneid Pflicht für alle römisch-katholischen Geistlichen. Doch trotz Verdammung und Antimodernisteneid wurde der M. nicht überwunden. Im wesentlichen konnte sich der Reformkatholizismus durchsetzen. Durch diese ablehnende Haltung brachte sich die römisch-katholische Kirche in einen Gegensatz zur Moderne. Das 2. Vatikanische Konzil (1962-1965) nahm wesentliche Forderungen der Modernisten auf, so dass diesen fast allen eine späte Rechtfertigung zuteil wurde. Aber es gibt Bestrebungen, die gegen Einflüsse des Reformkatholizismus gerichtet sind, z. B. die Traditionalisten (Anhänger des inzwischen verstorbenen französischen Erzbischofs Marcel Lefèbvre, für die das 2. Vatikanische Konzil der große Abfall der römisch-katholischen Kirche war, weil sie sich damit modernistischen Einflüssen geöffnet habe; Traditionalismus).

3. Modernismus im Protestantismus

Fragen wir nach dem Verhältnis des Protestantismus zum M., so hat dieser eine weitaus positivere Einstellung dazu. In seiner liberalen Ausrichtung befand sich der Protestantismus in Übereinstimmung mit dem jeweiligen Wissenschafts- und Kulturverständnis, weshalb die Epoche des wesentlichen Stromes des Protestantismus um 1900 auch als Kulturprotestantismus bezeichnet wird. Historisch-kritische Bibelforschung war selbstverständlich geworden. Der Optimismus des protestantischen Modernismus zerbrach in den Schrecken des 1. Weltkrieges. Lutherrenaissance (Karl Holl, 1866-1926) und Dialektische Theologie (Karl Barth, 1886-1968) bedeuteten eine theologische Neubesinnung. Die Dialektische Theologie ging zwar auf kritische Distanz zum modernen Denken, wiewohl sie stark mit ihren Denkvoraussetzungen im 19. Jhd. verwurzelt war (K. Barth und R. Bultmanns Lehrer Wilhelm Herrmann, 1846-1922, war einer der führenden Altliberalen). Besonders zu den Naturwissenschaften verlor die Dialektische Theologie den Kontakt. R. Bultmann, ursprünglich der Dialektischen Theologie zuzurechnen, unternahm den misslungenen "apologetischen" Versuch, Theologie und Glaube aus Anfragen der modernen Naturwissenschaften und des modernen menschlichen Selbstverständnisses herauszuhalten, und musste schon allein deshalb scheitern, weil er sich weder über die damaligen Modelle der Naturwissenschaften, noch über das Selbstverständnis des damaligen Menschen informiert zeigte (vgl. seinen Aufsatz [ursprünglich Vortrag vor Pfarrern der Bekennenden Kirche]: Neues Testament und Mythologie, 1941, abgedruckt in: Kerygma und Mythos, Bd. 1, hg. v. H. W. Bartsch, Hamburg 1948, ²1951).

Anders als in der Dialektischen Theologie und bei R. Bultmann gibt es inzwischen wieder den Versuch, die Fragen und Anliegen moderner Natur- und Humanwissenschaften sowie der säkularisierten Menschen in das theologische Denken aufzunehmen (z. B. bei W. Pannenberg, Systematische Theologie, Bd. 1-3, u. ö.; in früherer Zeit hatten K. Heim, 1874-1958 und dessen Schüler A. Köberle, 1898-1990, dieses Anliegen aufgenommen), wobei freilich die Gefahr besteht, im Grunde beim theologischen Liberalismus anzukommen, weshalb sich denn auch der gegenwärtige theologische Neoliberalismus und der Altliberalismus sehr ähnlich sind (z. B. Trutz Rendtorff, aber auch W. Pannenberg und die herrschende "Kirchentheologie" sind nicht frei davon), so dass der theologische Liberalismus nie überwunden wurde.

Als erfolgreiche kritische Reaktion auf den (theologischen) Modernismus ist der am Ende des 19. Jhd.s in den Vereinigten Staaten in protestantischen Denominationen entstandene >Fundamentalismus zu werten, der sich inzwischen als christlicher Fundamentalismus weltweit ausgebreitet hat (vgl. in Deutschland z. B. Bibelbund und Studiengemeinschaft "Wort und Wissen; in der Schweiz z. B. Staatsunabhängige Theologische Hochschule Basel, STH, und ihr Organ "Fundamentum", sowie die ebenfalls in der Schweiz erscheinende Zeitschrift "Faktum".)

4. Modernismus als überzeitliches Phänomen und seine Beurteilung

M. verstanden als Zeitgeschmack, ist bei weitem kein rein kirchlich-theologisches Phänomen, sondern umfasst alle Lebensbereiche. Er betrifft den Einzelnen sowie Gemeinwesen und Politik. Seine Beurteilung hängt vom jeweiligen Standpunkt ab. Wer Zeitgeist und Zeitgeschmack vertritt, stuft M. als positiv ein; wer sich Zeitgeist und Zeitgeschmack gegenüber kritisch stellt, dessen Einstellung zum M. wird eine andere sein. Schriftorientierte Theologen und Christen können M. in Theologie und Kirche nicht positiv würdigen. Die Bedeutung von "modern" ist eine andere geworden als z. Zt. der frühen christlichen Schriftsteller, die demzufolge diesen Begriff positiv aufnehmen konnten. Im Kern handelt es sich bei der Auseinandersetzung mit dem M. in Theologie und Kirche um die Verhältnisbestimmung von Glaube und Vernunft und von >Offenbarung und Vernunft. Dabei ist die menschliche Vernunft nicht gering zu achten. Aber gemäß der Unterscheidung in das Reich zur Linken und zur Rechten Gottes, einer weiteren Unterscheidung von Gesetz und Evangelium, gehört die Vernunft auf die linke Seite.

Zum Heil handelt Gott im Reich zur Rechten. Durch die Vermittlung seiner Offenbarung wirkt Gott den Glauben. Theologie und Kirche bedienen sich durchaus der Vernunft, ordnen diese aber der Offenbarung Gottes und dem Glauben unter. Der theologische M. hat die Verhältnisse gerade umgedreht und Offenbarung und Glaube der Vernunft unterworfen, dabei aber gerade des öfteren unvernünftige Ergebnisse hervorgebracht. Der allgemeine M. hat sich von einer transzendenten Bindung im Namen der Vernunft (z. B. in der Französischen Revolution) befreit und ist dabei oft genug unvernünftig geworden. Die Erkenntnis, der M. habe in die Sackgasse geführt und rein immanente Ausrichtung sei ein Irrweg, hat nicht in der wünschenswerten Breite die weitere Erkenntnis gebracht, auf die transzendente Bindung an den dreieinigen Gott komme es an. So bleibt auch die postmoderne Ära (zu der auch das New Age zu rechnen ist) in weiten Teilen eine Zeit ohne Christus und damit wie der M. zumindest in einzelnen Phasen, verstärkt an seinem Ende, eine "nachchristliche Zeit".

S. auch: Liberalismus; Liberale Theologie; Aufklärung; Postmodernismus; Katholisches Kirchenverständnis; Freimaurerei; Glaube und Vernunft; >Offenbarung; u.a.

Lit.: R. Aubert, die modernistische Krise, in: H. Jedin (Hg.), Handbuch der Kirchengeschichte [röm.-kath.], Bd. VI / 2, Die Kirche zwischen Anpassung und Widerstand (1879-1914), 1973 / 1985; H. Thielicke, Glaube und Denken in der Neuzeit, 1983, ²1988

Walter Rominger


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Urheber und Redaktion: Dr. Lothar Gassmann

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