Marienverehrung
der Römisch-Katholischen Kirche

HANDBUCH ORIENTIERUNG: Religionen, Kirchen, Sekten, Weltanschauungen, Esoterik.A. Grundlegendes

Die Katholische Kirche (KK) empfiehlt die Verehrung der Heiligen als Fürsprecher (Heiligenverehrung) sowie der "Gottesmutter" Maria als Urbild der Kirche. Irdische und himmlische Kirche gehören nach katholischem Verständnis untrennbar zusammen. Die himmlische Kirche (ecclesia coelestis) besteht aus den verstorbenen Heiligen, die für die Glieder der irdischen Kirche Fürsprache tun. Im Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) heißt es:

"Die Einheit der Erdenpilger mit den Brüdern, die im Frieden Christi entschlafen sind, wird also keineswegs unterbrochen, sie wird vielmehr nach dem beständigen Glauben durch die Mitteilung geistlicher Güter gestärkt ... Denn dadurch, daß die, die im Himmel sind, inniger mit Christus vereint werden, festigen sie die ganze Kirche stärker in der Heiligkeit ... hören sie nicht auf, ... beim Vater für uns einzutreten, indem sie die Verdienste darbringen, die sie durch den einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, Christus Jesus, auf Erden erworben haben ... Daher findet durch ihre brüderliche Sorge unsere Schwachheit reichste Hilfe ... Unser Gebet für die Verstorbenen kann nicht nur ihnen selbst helfen: wenn ihnen geholfen ist, kann auch ihre Fürbitte für uns wirksam werden" (Lumen Gentium 49 f.; KKK Nr. 955 f. 958).

Besondere Verehrung wird Maria dargebracht. Als Mutter Christi ist sie zugleich Mutter des mystischen Leibes Christi, also der Kirche:

"Die Jungfrau Maria ... wird als wahre Mutter Gottes und des Erlösers anerkannt und geehrt ... 'Sie ist ausdrücklich Mutter der Glieder (Christi), ... weil sie in Liebe mitgewirkt hat, daß die Gläubigen in der Kirche geboren werden, die jenes Hauptes Glieder sind`" (Lumen Gentium 53; KKK Nr. 963).

Die Mitwirkung Marias bei der Geburt der Gläubigen erfolgt in Form ihrer Fürbitte. Diese wiederum setzt ihre durch die "unbefleckte Empfängnis" gewährleistete Gnadenmittlerschaft ("Mittlerin zum Mittler") sowie ihre "Aufnahme mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit" voraus — beides Dogmen, die erst im 19. und 20. Jahrhundert verkündet wurden. Einflussreiche Kreise und Visionärinnen in der KK fordern inzwischen sogar, Maria zur "Miterlöserin" neben Christus zu erklären — gegen klare biblische Aussagen wie Joh 14,6; Apg 4,12; 1. Tim 2,5 u.a.!

Papst Pius XII. hat die Haupttätigkeiten Marias nach katholischer Vorstellung in seinem Rundschreiben "Mystici corporis Christi" von 1943 zusammengefasst:

"Sie hat, frei von jeder persönlichen oder erblichen Verschuldung und immer mit ihrem Sohn aufs innigste verbunden, Ihn auf Golgatha zusammen mit dem gänzlichen Opfer ihrer Mutterrechte und ihrer Mutterliebe dem Ewigen Vater dargebracht als neue Eva für alle Kinder Adams, die von dessen traurigem Fall entstellt waren. So ward sie, schon zuvor Mutter unseres Hauptes dem Leibe nach, nun auch aufgrund eines neuen Titels des Leids und der Ehre im Geiste Mutter aller seiner Glieder. Sie war es, die durch ihre mächtige Fürbitte erlangte, daß der schon am Kreuz geschenkte Geist des göttlichen Erlösers am Pfingsttag der neugeborenen Kirche in wunderbaren Gaben gespendet wurde. Sie hat endlich dadurch, daß sie ihr namenloses Leid tapfer und vertrauensvoll trug, mehr als alle Christgläubigen zusammen, als wahre Königin der Märtyrer 'ergänzt, was an den Leiden Christi noch fehlt ... für seinen Leib, die Kirche` (Kol 1,24). Sie hat den geheimnisvollen Leib Christi, der aus dem durchbohrten Herzen des Heilands geboren ward, mit derselben innigen Mutterliebe und Sorge begleitet, womit sie das Jesuskind in der Krippe und an ihrer Brust umhegte und nährte. Ihrem unbefleckten Herzen haben Wir vertrauensvoll alle Menschen geweiht. Möge sie, die hochheilige Mutter aller Glieder Christi, strahlend jetzt in der Himmelsglorie mit Leib und Seele und herrschend droben mit ihrem Sohn, von Ihm inständig erflehen, daß reiche Ströme der Gnade unaufhörlich herabfließen vom erhabenen Haupt auf die Glieder des geheimnisvollen Leibes" (Neuner-Roos Nr. 482).

Verschiedene Eigenschaften werden Maria zugeschrieben, die wir nachfolgend im Einzelnen betrachten und prüfen.

B. Eigenschaften Marias gemäß römisch-katholischer Lehre

Unbefleckte Empfängnis

Maria sei unbefleckt (ohne Erbsünde) empfangen worden. Lateinisch ist hier die Rede von der Maria Immaculata, der unbefleckten Empfängnis. Das Dogma der von der "Unbefleckten Empfängnis" wurde verkündet durch Papst Pius IX. in der Bulle "Ineffabilis Deus" am 8. Dezember 1854 und nachträglich als Dogma unfehlbarer Art bezeichnet. Weil das Unfehlbarkeitsdogma erst 1870 kam, wurde jenes dann rückwirkend auch als unfehlbare Lehre verkündigt. Darin wird behauptet, dass Maria keinen Augenblick ihres Daseins unter der Herrschaft der Sünde gestanden habe und dass sie durch die zuvorkommende Erlösung Christi die einzige Ausnahme vom Gesetz der Erbsünde darstelle. Dieses Dogma lautet:

"Die Lehre, daß die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch einzigartiges Gnadengeschenk und Vorrecht des allmächtigen Gottes im Hinblick auf die Verdienste Christi Jesu, des Erlösers des Menschengeschlechts, von jedem Fehl der Erbsünde rein bewahrt blieb, ist von Gott geoffenbart und deshalb von allen Gläubigen fest und standhaft zu glauben. Wenn sich deshalb jemand, was Gott verhüte, anmaßt, anders zu denken, als es von Uns bestimmt wurde, so soll er klar wissen, daß er durch eigenen Urteilsspruch verurteilt ist, daß er an seinem Glauben Schiffbruch litt und von der Einheit der Kirche abfiel, ferner, daß er sich ohne weiteres die rechtlich festgesetzten Strafen zuzieht, wenn er in Wort oder Schrift oder sonstwie seine Auffassung äußerlich kundzugeben wagt" (Neuner-Roos Nr. 479).

Maria war also angeblich ohne Erbsünde. Das bedeutet unbefleckte Empfängnis. Die Urschuld der Stammeltern, Adam und Eva, sei nicht auf sie übergegangen. Schon ihre Mutter, als sie sie empfangen hat, habe sie so empfangen, dass sie nicht mit der Erbsünde infiziert wurde. Und dann wird weiter gesagt, dass Maria während ihres ganzen Lebens frei von jeder persönlichen Sünde geblieben sei, da ja die Erbsünde nicht in ihr wohnte und sie somit bewahrt wurde — und zwar aufgrund der Verdienste ihres Sohnes Jesus Christus, welche ihr bereits rückwirkend zuteil wurden.

Die Jungfrau Maria gilt als Gegenbild zur Jungfrau Eva. So wie Eva ungehorsam war, war Maria gehorsam und hat durch ihren Glauben dem Sohn Gottes das irdische Leben ermöglicht. Indem sie selber eben schon unbefleckt empfangen worden war, war sie nach katholischem Verständnis dazu in der Lage.

"Der Tod kam durch Eva, das Leben durch Maria",

wird im Anschluss an den Heiligen Irenäus in Lumen Gentium, Artikel 56, im Katechismus unter Nr. 494, zitiert.

Diese Lehre besitzt allerdings einen großen Schwachpunkt:

Nirgends in der Heiligen Schrift findet sich die leiseste Andeutung einer unbefleckten Empfängnis Marias. Im Gegenteil, in Römer 3 heißt es:

"Da ist keiner, der gerecht ist, nicht einer ... Es ist kein Unterschied: sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist" (Röm 3,10.23).

Selbst von katholischen Exegeten wird zugegeben, dass die Lehre von der "unbefleckten Empfängnis" Marias keine biblische Grundlage besitzt. So schreibt etwa der katholische Exeget Heinz Schürmann in Bezug auf das "voll der Gnaden" (gratia plena) in Lk 1,28:

"Daß sachlich die unbefleckte Empfängnis Mariens eingeschlossen sei, ist eine Erkenntnis, die wir nicht mit Hilfe der philologisch-historischen Methode erheben, sondern nur dem Tiefblick des kirchlichen Glaubensbewusstseins verdanken können" (H. Schürmann, Das Lukasevangelium. Erster Teil: Kommentar zu Kap. 1,1-9,50, HThK, Freiburg / Basel / Wien, 2. Aufl. 1982, S. 45).

Mutter Gottes

Ein weiterer Titel, der Maria schon beim Konzil von Ephesus 431 — gegen die Nestorianer gerichtet — zuteil wurde, ist der Titel "Mutter Gottes" oder "theotokos" (Gottesgebärerin). Nestorius wollte Maria nur als Mutter Jesu Christi bezeichnen, aber nicht als Mutter Gottes, da der ewige Gott keine Mutter haben könne. Nestorius wurde entgegen gehalten, dass deshalb, weil Jesus Christus die zweite Person der göttlichen Dreieinigkeit ist und damit eben auch in seiner Wesenheit Gott ist, Maria trotzdem als Mutter Gottes bezeichnet werden könne und solle. Ansonsten würde die Gottheit Jesu Christi geschmälert.

Die Bezeichnung "Mutter Gottes" oder "Gottesgebärerin" – so ist kritisch anzumerken – ist freilich insofern nicht falsch, aber dennoch sehr missverständlich. Man beachte etwa: In Römer 1, 3-4 ist die Rede von

"Jesus Christus, unserem Herrn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch"

(also durch seine irdische Mutter, die aus dem Geschlechte Davids stammt),

"und nach dem Geist, der da heiligt, eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft durch die Auferstehung von den Toten".

Jesus ist Sohn Gottes, Gott ist sein Vater, Maria seine irdische Mutter. Aber Jesu Gottheit wird in der Bibel nicht gemäß seiner irdischen Abstammung von Maria, sondern aufgrund seiner Zeugung durch den Heiligen Geist betont. Den Begriff "Gottesgebärerin" auf Maria anzuwenden, kann deshalb zu dem Missverständnis führen, Maria irgendwelche göttlichen Eigenschaften zuzuschreiben, was aber nach biblischer Aussage nicht der Fall ist. Gott ist Jesus allein aufgrund seiner Zeugung durch den Heiligen Geist – und nicht durch Maria. Dass diese Unterscheidung in der katholischen Lehre und Volksfrömmigkeit nicht gewahrt wurde, zeigt die weitere Darstellung der römisch-katholischen Mariologie.

Immerwährende Jungfräulichkeit Marias

Die "immerwährende Jungfräulichkeit Marias", wie sie im Katholizismus gelehrt wird, ist zu unterscheiden von der Jungfrauengeburt Jesu Christi. Jungfrauengeburt bedeutet, dass Jesus Christus von Maria ohne Samen eines Mannes durch den Heiligen Geist gezeugt und empfangen wurde und dass Maria bis zu diesem Zeitpunkt Jungfrau gewesen war. Diese Lehre, die auch von der Katholischen Kirche vertreten wird, besitzt eine klare biblische Grundlage, etwa in Matthäus 1, 20: "Das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist.", spricht der Engel zu Josef.

Man kann sich unter Umständen auch bereits auf Jesaja 7, 14 berufen. Hier ist von der ‘Alma’ die Rede:

"Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären."

"Alma" kann "Jungfrau", aber auch "junge Frau" bedeuten. Die Septuaginta entschied sich für die Übersetzung "parthenos", "Jungfrau", was auch der wahrscheinlicheren lectio difficilior (schwierigeren Lesart) entspricht. Außerdem wäre die Verheißung "Eine junge Frau wird ein Kind empfangen" kein besonderes Zeichen gewesen, aber dass eine Jungfrau ein Kind empfängt, das ist ein göttliches Gnadenzeichen, welches durch die Beschreibung bei den Evangelisten dann auch bestätigt wird.

Während also die Jungfräulichkeit Marias bei der Zeugung Jesu eine gute biblische Grundlage hat, ist die andere Behauptung der Römisch-Katholischen Kirche äußerst fraglich, nämlich die Ansicht, Maria sei allezeit Jungfrau geblieben, auch noch nach der Empfängnis Jesu. Im Katechismus wird hierzu unter Nummer 500 gesagt:

"Man wendet manchmal dagegen ein, in der Schrift sei von Brüdern und Schwestern Jesu die Rede."

Hierzu werden auch Bibelstellen genannt: Markus 3, 31-35; 6, 3; 1. Korinther 9, 5 und Galater 1, 19. Im KKK heißt es weiter:

"Die Kirche hat diese Stellen immer in dem Sinn verstanden, daß sie nicht weitere Kinder der Jungfrau Maria betreffen. In der Tat sind Jakobus und Josef, die als ´Brüder Jesu` bezeichnet werden (Mt 13,55), die Söhne einer Maria, welche Jüngerin Jesu war und bezeichnenderweise ´die andere Maria` genannt wird (Matthäus 28,1). Gemäß einer bekannten Ausdrucksweise des Alten Testamentes handelt es sich dabei um nahe Verwandte Jesu. Jesus ist der einzige Sohn Marias" (KKK Nr. 500 f.).

Dies ist jedoch – wie wir noch ausführlicher darstellen werden — eine gekünstelte Auslegung. Man geht hier von einem falschen platonischen Verständnis von Heiligkeit aus, bei welchem man jede Form von geschlechtlicher Begegnung als verunreinigend betrachtet hatte. Weil man (gegen die Heilige Schrift) behauptet, Maria sei allezeit ohne Sünde geblieben (s.o.), muss sie also auch ohne geschlechtliche Begegnung mit einem Mann geblieben sein. Aber das ist keine biblische Lehre, sondern Gott sagt in seinem Wort ganz klar, daß innerhalb der ehelichen Gemeinschaft die Zeugung von Kindern möglich, ja sogar geboten ist:

"Seid fruchtbar und mehret euch!" (1. Mose 1,28).

"Kinder sind eine Gabe des Herrn, und Leibesfrucht ist ein Geschenk" (Ps 127,3).

Warum sollte Maria von diesem Gebot und Segen ausgenommen sein, nachdem sie den jungfräulich empfangenen Sohn Gottes zur Welt gebracht hatte? Nirgends in der Heiligen Schrift wird gesagt, Maria sei ihr ganzes Leben sündlos geblieben. Nirgends wird gesagt, sie habe nie mehr Kinder empfangen. Hingegen werden in den Evangelien Brüder und Schwestern Jesu erwähnt, die in der katholischen Tradition als "Vettern" und "Cousinen" umgedeutet werden müssen, was aber sehr gekünstelt ist (s.u.).

Mitwirkung Marias am Heilswerk

Maria, so wird behauptet, wirkt mit ihrem Sohn beim Heilswerk mit. Im römisch-katholischen Katechismus wird unter Nummer 964 von einer Verbindung der Mutter mit dem Sohn im Heilswerk gesprochen. Es wird zitiert aus Lumen Gentium 58, wo es heißt:

"Auch die selige Jungfrau ging den Pilgerweg des Glaubens. Ihre Vereinigung mit dem Sohn hielt sie in Treue bis zum Kreuz, wo sie nicht ohne göttliche Absicht stand, heftig mit ihrem Eingeborenen litt und sich mit seinem Opfer in mütterlichem Geist verband, indem sie der Darbringung des Schlachtopfers, das sie geboren hatte, liebevoll zustimmte. Und schließlich wurde sie von Christus selbst, als er am Kreuz starb, dem Jünger zur Mutter gegeben mit den Worten: ‘Frau, siehe da, dein Sohn!‘ (Joh 19,26-27)."

Das aber ist eine gefährliche Tendenz, die das einzigartige Erlösungswerk Christi trübt. Nun wird zwar behauptet, das Erlösungswerk durch Christus werde nicht geschmälert durch Maria — dieses sei wirklich einzigartig und zentral -, aber sie habe eben doch mitgewirkt, und zwar indem sie dem Erlösungswerk ihres Sohnes "voll und ganz zustimmte". Dadurch sei sie

"das Vorbild des Glaubens und der Liebe" geworden und damit "das Urbild der Kirche" (KKK Nr. 967).

Wörtlich heißt es in Lumen Gentium 61:

"Sie hat beim Werk des Erlösers in ganz einzigartiger Weise in Gehorsam, Glaube, Hoffnung und brennender Liebe mitgewirkt, das übernatürliche Leben der Seelen wiederherzustellen. Deswegen ist sie uns in der Ordnung der Gnade Mutter."

In Lumen Gentium 62 wird Maria bezeichnet als "Fürsprecherin", "Helferin", "Beistand" und "Mittlerin", wobei der letzte Begriff besonders problematisch und missverständlich ist und wir daher auch noch ausführlicher darauf eingehen müssen. Ausdrücklich wird betont in Lumen Gentium 60, zitiert im Katechismus, Nummer 970:

"Jeder heilsame Einfluß der seligen Jungfrau auf die Menschen ... fließt aus dem Überfluß der Verdienste Christi hervor, stützt sich auf seine Mittlerschaft, hängt ganz und gar von ihr ab und schöpft aus ihr seine ganze Kraft."

Aus all diesen Gründen könne Maria verehrt werden in der hyperdulischen Weise, in einem Kult eigener Art, als Gottesgebärerin, im marianischen Gebet, im Rosenkranzgebet

"Ave Maria", "Gepriesen seiest du, Maria, Mutter Gottes".

Zur Beurteilung siehe unten.

Himmelfahrt Marias

Erst sehr spät, im Jahre 1950, wurde ein weiteres Dogma verkündigt, ein "unfehlbares Dogma", wie es beansprucht wurde, die Aufnahme Marias nach Leib und Seele in den Himmel (Himmelfahrt Marias). Es wurde am 1. November 1950 am Allerheiligen-Fest von Papst Pius XII. definiert:

"Nachdem Wir nun immer wieder inständig zu Gott gefleht und den Geist der Wahrheit angerufen haben, verkünden, erklären und definieren Wir zur Verherrlichung des allmächtigen Gottes, dessen ganz besonderes Wohlwollen über der Jungfrau Maria gewaltet hat, zur Ehre seines Sohnes, des unsterblichen Königs der Ewigkeit, des Siegers über Sünde und Tod, zur Mehrung der Herrlichkeit der erhabenen Gottesmutter, zur Freude und zum Jubel der ganzen Kirche, in Kraft der Vollmacht unseres Herrn Jesus Christus, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und Unserer eigenen Vollmacht: es ist eine von Gott geoffenbarte Glaubenswahrheit, daß die unbefleckte, immer jungfräuliche Gottesmutter Maria nach Vollendung ihres irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele zur himmlischen Herrlichkeit aufgenommen worden ist. Wenn daher, was Gott verhüte, jemand diese Wahrheit, die von Uns definiert worden ist, zu leugnen oder bewußt in Zweifel zu ziehen wagt, so soll er wissen, daß er vollständig vom göttlichen und katholischen Glauben abgefallen ist."

Mit anderen Worten: Wenn ein Katholik dieses nicht glaubt, ist er vollständig vom katholischen Glauben abgefallen! Also wenn jemand noch Mitglied der Katholischen Kirche ist, bereits auch wiedergeboren ist und trotzdem an dieser Lehre nicht festhält, dann ist er im Grunde gar nicht mehr wirkliches Mitglied der Katholischen Kirche. Im Grunde steht er oder sie dann schon draußen!

In diesem Dogma wird also ausgeführt, daß Maria von der Verwesung des Todes bewahrt blieb, mit der Begründung:

"Da er (Gott) ihr die große Ehre erweisen konnte, sie vor der Verwesung des Todes zu bewahren, muß man also glauben, daß er es wirklich getan hat" (Neuner-Roos Nr. 483).

Also was Gott tun kann, das tut er auch, wird argumentiert. Und Maria wurde schon seit dem zweiten Jahrhundert n. Chr. als die neue Eva, die bessere Eva, hingestellt. Sie blieb ...

"von der Verwesung im Grab verschont", um "als Königin zu erstrahlen" (Neuner-Roos Nr. 485). Im Katechismus wird zu diesem Dogma Folgendes ausgeführt:

"Die Aufnahme der heiligen Jungfrau ist eine einzigartige Teilhabe an der Auferstehung ihres Sohnes und eine Vorwegnahme der Auferstehung der anderen Christen" (KKK Nr. 966).

Es wird von der Katholischen Kirche zugegeben, dass es hierfür keine biblische Grundlage gibt, aber betont, dass dafür eine lange Tradition vorliege und man von daher dieses getrost als unfehlbares Dogma verkündigen könne, was ohnehin seit Jahrhunderten im Volksglauben vorhanden gewesen sei – eine äußerst dünne Basis für eine dermaßen wichtige Lehr- und Glaubensentscheidung! Die Grundlage bildet die spezifisch katholische und umstrittene Lehre von Schrift, Tradition und Lehramt (siehe dort).

C. Das Verhältnis Marias zu Jesus Christus

Es wird behauptet, daß Marias mütterliche Aufgabe gegenüber den Menschen die einzige Mittlerschaft Christi in keiner Weise verdunkele oder mindere, sondern ihre Wirkkraft aufzeige (Neuner-Ross Nr. 493). Die Wirkkraft des einzigen Mittlers Jesus Christus wird also betont, aber die Wirkung Marias hängt rückwirkend ab von dem Verdienst Christi, welches er am Kreuz erworben hat. So heißt es beim Zweiten Vatikanischen Konzil, die Wirkung Marias fließe "aus dem Überfluß der Verdienste Christi", stütze sich auf seine Mittlerschaft, hänge von ihr vollständig ab und erhalte aus ihr ihre ganze Wirkkraft (Neuner-Roos Nr. 493).

Man fragt sich dann natürlich, warum dies nötig ist, wenn wir doch dieses vollgültige Opfer Christi haben: Warum braucht es dann noch jemanden, der diese Wirkkraft erweitert oder zur Geltung bringt? Reicht es nicht aus, wenn wir sagen: Jesus allein? Diese Frage ist natürlich an diese mariologische Position zu stellen Zur Beantwortung gehen wir jetzt noch etwas mehr in die Tiefe und betrachten die Argumentation etwa des katholischen Apologeten Alan Schreck in seinem Buch "Christ und Katholik". Bei ihm werden noch weitere Argumente angeführt, warum Maria so besonders gewürdigt wird und die Hyperdulie, diese besondere Verehrung, erhält.

Das erste Argument ist, dass Gott Maria ehrte,

"indem er sie von Ewigkeit her vorherbestimmte, die Mutter des Erlösers zu sein, durch die Gott selbst in die menschliche Geschichte eintreten würde" (Schreck, S. 170).

- Hierzu können wir auch aus evangelischer Sicht sagen: Es ist ein großes Gnadengeschenk, welches diesem Menschen Maria zuteil wurde. Aber wir können überhaupt nichts sagen über die Voraussetzung, welche sie mitbrachte, weil die Heilige Schrift darüber sich nicht äußert. Man kann also nicht behaupten, Maria sei Erbsünde gewesen; darüber sagt die Bibel nichts – im Gegenteil (s.o.)! Man kann auch nicht behaupten, Maria hätte keine weiteren Kinder gehabt – das steht im Widerspruch zu mehreren neutestamentlichen Stellen (s.u.). Solche katholischen Lehren entstammen bloßer Lehrtradition, und diese ist entstanden aus der Rückkonstruktion dessen, dass Maria als Jungfrau in einzigartiger Weise den Sohn Gottes zur Welt bringen durfte und hierzu von Gott gewürdigt wurde. Aus diesem wurde von der katholischen Kirche rückgefolgert, dass Maria ein besonders zubereitetes Gefäß habe sein müssen. Dies ist eine theologische Folgerung ohne exegetische Verankerung in der Heiligen Schrift.

Natürlich geht aus der Heiligen Schrift hervor, daß Maria eine gehorsame Magd des Herrn war. So etwa in Lukas 1, 38, wo sie antwortet, als der Engel ihr die Geburt des Sohnes Gottes durch sie verheißt:

"Ich bin die Magd des Herrn. Mir geschehe, wie du es gesagt hast." (Fiat mihi.)

Mehr können wir darüber aber nicht sagen. Alan Schreck schreibt hingegen in seinem katholisch-apologetischen Werk:

"Katholiken ehren Maria wegen dieses großen Glaubens und ihres Gehorsams. Viele frühchristliche Schriftsteller sprechen davon, daß Gott es zuließ, daß sein ganzer Heilsplan von Marias freier Zustimmung zur Botschaft des Engels abhing. Wegen ihres Ja zu Gott ist Maria die neue Eva, die das Nein der ersten Eva umkehrte. Durch den Ungehorsam Evas wurde die ganze Menschheit in die Sünde verstrickt; Marias Gehorsam Gott gegenüber öffnete den Weg für das rettende Werk Jesu" (S. 171).

Und dann folgert man daraus, dass Maria eine Miterlöserschaft insofern bewirkt habe, dass sie ihre Zustimmung gegeben habe und ein besonders zubereitetes Gefäß ohne Erbsünde gewesen sei. Das sind dann weitere – allerdings willkürliche und unbiblische — Konsequenzen. Es ist nämlich mit Sicherheit eine Übertreibung, zur Rolle Marias zu sagen, Gott hätte sein Heilswerk ohne sie nicht durchführen können. In Wirklichkeit hätte sich Gott auch jemand anderen berufen können. Er besitzt ja sogar die Macht, "aus Steinen Kinder zu erwecken" (Mt 3,9). Weil Gott allmächtig ist, ist er nicht auf Menschen angewiesen, sondern er lädt Menschen ein, ‘Ja’ zu sagen, und das hat Maria gehorsam im Glauben positiv beantwortet, aber diese positive Antwort Marias zur Erwählung durch Gott war auch das einzige, was über das Handeln Marias gesagt werden kann. Es geht auf jeden Fall zu weit, wenn A. Schreck Folgendes behauptet in Anknüpfung an ein Zitat von Irenäus von Lyon (Gegen die Häresien III, 22, 4):

"So wurde der Knoten des Ungehorsams der Eva durch den Gehorsam Mariens gelöst; denn was die Jungfrau Eva durch ihren Unglauben angebunden hatte, das löste die Jungfrau Maria durch ihren Glauben" (A. Schreck, S. 172).

Im Neuen Testament steht überhaupt nichts davon, dass die Sünde Evas und Adams durch Maria rückgängig gemacht wird, sondern allein durch Jesus als den neuen Adam. Adam und Eva waren ja ein Paar (man kann vielleicht sogar von Ehepaar reden), während Jesus und Maria in dieser Form nicht vergleichbar sind, sondern Jesus ist wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. Maria ist eben nur ein Mensch, und Jesus hat ein unvergleichlich größeres Opfer gebracht im Vergleich zur Sünde Evas und Adams. ‘Pollo mallon’ (griech.) — ´um wie viel` mehr hat der zweite Adam gegenüber dem ersten vollbracht (Römer 5). Jesus Christus ist unvergleichlich größer als Adam, Eva oder Maria, denn Jesus Christus allein ist Gott.

Von Alan Schreck (S. 172) wird auch Lukas 11, 27 f. ins Feld geführt, wo eine Frau Jesus zuruft: "Selig ist die Frau, deren Leib dich getragen und deren Brust dich genährt hat." Aber was antwortet Jesus? "Selig sind vielmehr die, die das Wort Gottes hören und es befolgen." Das ist eine klare Abwehr einer Überbewertung Marias! Da will jemand Maria selig sprechen, man kann auch sagen: heilig sprechen, wenn man da noch weiter denken würde. Und Jesus antwortet:

"Selig sind die, die das Wort Gottes hören und bewahren!"

Natürlich gehörte Maria auch zu den Hörern des Wortes Gottes dazu, aber man wollte sie ja gerade auf eine Person neben Jesus fixieren, und das lehnt der Herr ab. Selig sind alle (nicht nur Maria, sondern alle!), die das Wort Gottes hören und bewahren.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat betont, dass Jesus der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen ist gemäß 1. Timotheus 2, 5. Aber der Vergleich zu Marias Aufgabe sieht dann so aus:

"Marias mütterliche Aufgabe gegenüber den Menschen aber verdunkelt oder mindert diese einzige Mittlerschaft Christi in keiner Weise, sondern zeigt ihre Wirkkraft. Jeglicher heilsame Einfluß der seligen Jungfrau auf die Menschen ... fließt aus dem Überfluß der Verdienste Christi" (zit. nach Schreck, S. 176).

Wie bereits erwähnt, findet sich hier eine gewisse Unlogik. Einerseits habe Jesus alles vollbracht, andererseits besitze Maria eben auch die Wirkkraft aus dem Verdienst Christi. Es ist eine schillernde Argumentation, bei welcher man Maria auf jeden Fall aufwertet — und wenn ein geschöpfliches Wesen gegenüber Jesus aufgewertet wird, wird Jesu einziges und einzigartiges Erlösungswerk automatisch abgewertet, ob man es will oder nicht. Und so wird dann auch argumentiert, etwa wiederum bei Schreck, wenn er sagt:

"Gott selbst vollbringt und sorgt für alles, was wir Menschen brauchen; doch in dem Reichtum seines Planes hat er sich entschieden, seinen Geschöpfen einen Anteil an seinem Werk anzuvertrauen" (S. 176).

Wie sieht dieser Anteil bei Maria aus? Schreck schreibt:

"Katholiken glauben, daß Maria eine herausragende Rolle der Fürbitte aufgrund ihres besonderen Platzes in Gottes Heilsplan inne hat. Jesus und Maria stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Jesus ist die Quelle aller göttlichen Gnade und allen Heils. Maria richtet ihre Gebete und unsere Aufmerksamkeit auf Jesus ... Gott hat Maria erwählt, ein einzigartiger Kanal der Gnade ihres Sohnes zu sein, aufgrund ihrer besonderen Beziehung zu ihm. Er gibt ihr eine mütterliche Fürsorge für alle seine Söhne und Töchter. Weil Gottes Werk ewig währt, war und ist Maria die Mutter Jesu und die Mutter aller Gläubigen. Sie ist nun bei Gott und fährt fort, für die Nöte des Volkes Gottes einzutreten" (S. 176).

Maria sei also Fürsprecherin und Kanal der Gnade, die aus der Quelle Jesus fließe. Diese Dialektik begegnet uns beim Zweiten Vatikanischen Konzil: einerseits Jesus als "einzige" Quelle, aber zugleich Maria als Vermittlerin, als Kanal. Dass der Begriff "Mittlerin" oder gar "Miterlöserin" äußerst missverständlich ist, wird im katholischen theologischen Denken selber zugegeben. So sagt etwa Schreck:

"Wenn Maria solche Titel wie ´Mittlerin` oder ´Miterlöserin` gegeben werden, muß äußerste Vorsorge getroffen werden, damit klar wird, daß Maria nur Teil hat an der Mittlerschaft und dem Erlösungswerk Jesu Christi. Nichts, was sie getan hat oder tun könnte, könnte aus sich etwas verdienen und Erlösung bringen. Wie wir, so kann auch Maria nur mit Gottes Gnade und seinem rettenden Plan mitwirken. Ihre besondere Rolle als Fürbitterin, als beispielhafte Jüngerin und als Mutter der Gläubigen stammt allein von Gottes souveräner Wahl und seiner Gnade" (S. 177).

Es wird also – trotz aller vorsichtigen Formulierungen – letztlich doch eine "Mitwirkung" Marias behauptet. Wir stehen hier vor dem Phänomen des Synergismus (Zusammenwirken von Gott und Mensch am Erlösungswerk) und auch Spiritismus (Kontakt mit Geistern), denn wo die Fürbitte von Verstorbenen in den Heilsplan einbezogen wird, begeben wir uns auf das Gebiet der jenseitigen Mächte, und das hat uns Gott in seinem klaren Wort verwehrt (5. Mose 18,9 ff. u.a.). So muss auch Schreck zugeben:

"Wo kommen diese Glaubensanschauungen her? In der Heiligen Schrift werden sie nicht ausdrücklich gelehrt, und es ist auch nicht klar, daß sie durch die Predigt der ersten Apostel weitergegeben wurden. Eher sind diese Glaubensaussagen mit der Zeit entstanden, als die Christen stärker die Aussagen der Bibel über Jesus und seine Mutter betrachteten. Als die Christen zu einem tieferen Verständnis über Jesus als dem menschgewordenen Sohn Gottes kamen, begannen sie auch darüber nachzudenken, was das für das Verständnis Marias bedeutet. Wenn Jesus wahrer Gott ist, ist es dann zum Beispiel nicht auch korrekt, wenn man von Maria als der Mutter Gottes spricht?" (S. 178).

So ist dies also im Laufe der Tradition entstanden. Als Rückfolgerung aus dem Erlösungswerk Christi, dann auf die Mutter, dann sogar auf die Großmutter Anna, die dann auch zwar nicht unbefleckt empfangen wurde, aber doch schon eine Vorstufe wiederum zu Marias Sündlosigkeit gebildet habe. Da kann man letztendlich bis zu Adam und Eva zurückgehen, wenn man das in extenso weitertriebe. Aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die beiden Grundsätze, die im Katholizismus angegeben werden, damit eine Lehre sich herausbildet, die sich nicht in der Heiligen Schrift findet:

"Erstens wird kein christlicher Glaubenssatz der Bibel und der ursprünglichen Tradition, die von den Aposteln an weitergegeben worden war, widersprechen" (Schreck, S. 178).

Also es darf eine neue Lehre der apostolischen Tradition nicht widersprechen. Was heißt das nun aber? Es findet sich natürlich nicht alles und jedes in der Heiligen Schrift, und wenn man dann eine neue Lehre bildet, die zumindest dem nicht widerspricht, was schon dasteht, dann kann diese nicht unbedingt falsch sein, wird behauptet. Das ist aber ein Minimalargument, und man sagt nicht, es muss der Heiligen Schrift entsprechen, sondern darf ihr nicht widersprechen. Und damit hat man einen riesigen Raum, ein riesiges Feld für Spekulationen eröffnet, der dann auch fleißig genutzt wurde!

"Zweitens mußte gezeigt werden, daß jede Einsicht, die sich aus der christlichen Offenbarung heraus entwickelt hat, schon über einen langen Zeitraum hinweg Annahme in Gottes Volk gefunden hatte" (Schreck, S. 178). — Hier findet sich das Argument der Dauerhaftigkeit einer Lehrtradition. Sie muss sich verankert haben im Volksglauben. Und was alle glauben, was die Kirche als Gesamtheit glaube, könne angeblich nicht falsch sein, auch wenn es in der Bibel selber nicht vorkommt. Und dies umso mehr, da der Katholischen Kirche ja der Beistand des Heiligen Geistes verheißen sei, zugespitzt insbesondere in der Person des "unfehlbaren" Oberhauptes der Römisch-Katholischen Kirche, des Papstes – ein typischer Zirkelschluss (s. zur Kritik: Papsttum, Schrift, Tradition und Lehramt).

Aber in der Konsequenz dieser Argumentation wird in der römisch-katholischen Lehre weiter behauptet: Die Tatsache, daß eine Lehre von den großen Hirten und Lehrern der Christenheit und durch die Gläubigen der Kirche beständig angenommen wurde, sei ein Zeichen dafür, dass der Heilige Geist Gottes Volk zu diesem Verstehen geführt habe. Mehrere Lehraussagen über Maria haben nach katholischer Ansicht diese Kriterien erfüllt und sind deshalb Teil der offiziellen Lehre der Katholischen Kirche, nämlich "Maria als immerwährende Jungfrau", als "Mutter Gottes", als "unbefleckte Empfängnis" und die "Himmelfahrt Marias", die "unversehrte Aufnahme mit Leib und Seele in den Himmel" (Schreck, S. 178 ff.).

Die erste Lehre, die diese Kriterien erfüllt habe, sei "Maria als immerwährende Jungfrau". Das ist eine spezifisch katholische Lehre. Also nicht nur die Jungfrauengeburt Jesu wird gelehrt, sondern dass sie überhaupt Jungfrau geblieben sei, sie hätte keine weiteren Kinder bekommen (s.o.). Nun aber weiß auch Schreck um Stellen wie Matthäus 12, 46; Markus, 3, 31; 6, 3; Lukas 8, 19, wo von "Brüdern und Schwestern" (griech. adelphoi kai adelphai) Jesu die Rede ist.

Hinzu kommt Matthäus 1, 25:

"Er, Josef, berührte sie, Maria, nicht, bis sie einen Sohn gebar und er gab ihm den Namen Jesus."

Hier steht im Griechischen: ‘eginosken’, was ‘erkennen’ bedeutet, und das hat immer in diesem Zusammenhang den Sinn der geschlechtlichen Gemeinschaft. Es heißt ausdrücklich: "bis" sie Jesus geboren hatte, hatte Josef sie nicht berührt, weil das Heilige in ihr eben jungfräulich zur Welt kommen sollte. Aber was war dann? Es wäre ja Sünde gewesen, hätte sie sich ihrem Mann das ganze Leben verweigert. Dann wäre sie sicherlich nicht sündlos, wenn sie dann ihrem Mann das Leben so schwer gemacht hätte, denn in 1. Kor 7,3 ff. lesen wir:

"Der Mann leiste der Frau, was er ihr schuldig ist, desgleichen die Frau dem Mann ..."!

Auch von Katholiken werden solche Bibelstellen zur Kenntnis genommen, aber sie werden anders interpretiert. Es wird betont, dass das griechische Wort für Brüder und Schwestern ‘adelphos’ und ‘adelpha’ auch gebraucht werde, um andere nahe Verwandte zu bezeichnen; Cousinen, Neffen, Nichten und andere. — Dieses Argument kann allerdings nicht überzeugen, denn es wird im Neuen Testament ausdrücklich immer wieder die Nähe der Verwandtschaft zu Jesus betont, und wenn von Neffen oder Nichten die Rede wäre, gibt es im Griechischen andere Begriffe. Zum Beispiel in Kolosser 4, 10 wird Markus als Vetter des Barnabas vorgestellt, und da steht das griechische Wort ‘anepsios’. Oder Lukas gebraucht in Kapitel 1, 36 auch das Wort ‘syngenis’ (Mitgezeugte), das die allgemeinere Bedeutung von Verwandten hat. Wenn die Evangelisten von "Vettern" oder "Cousins" Jesu hätten berichten wollen, dann hätten sie sicher diese eindeutigen Begriffe und nicht die Worte ‘adelphos’ und ‘adelpha’ benutzt, was geläufig für "Bruder" und "Schwester" steht. Diese Auslegung wird im ökumenischen "Evangelisch-Katholischen Kommentar zum Neuen Testament" bestätigt, wo es heißt:

"´Brüder` und ´Schwestern` müssen natürlich nach dem nächstliegenden Verständnis auf leibliche Geschwister Jesu gedeutet werden; es gibt keine Anhaltspunkt im Text, welche die Leser zu einem anderen Verständnis führen würden ... Die Frage ist wegen des Dogmas von der immerwährenden Jungfräulichkeit Mariens heikel. Philologisch ist sie klar. ´Die nach dem Semitischen bestehende Möglichkeit, daß in einzelnen Fällen mit adelphoi / adelphai weitere Verwandte bezeichnet werden, kann erst dann zu einem solchen Urteil führen, wenn das jeweils positiv nachgewiesen wird.` Wenn ´Brüder` bzw. ´Schwestern` im Griechischen ausnahmsweise ´weitere Verwandte` heißen soll, muß das also durch den Kontext klar sein. Auch alte Kirchenväter wissen zwischen Brüdern und Vettern Jesu sehr wohl zu unterscheiden. Hundertprozentige Gewißheit gibt es im Rahmen historischer Forschung nie; aber in diesem Fall ist die historische Wahrscheinlichkeit so hoch, wie sie nur sein kann" (Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, Teilband 2: Mt 8-17, EKK I, Zürich / Braunschweig 1990, S. 385.387).

D. Marienerscheinungen

Es existieren mehrere hundert angebliche Erscheinungen Marias in visionärer Schau. Die bekanntesten Erscheinungen sind überliefert aus Lourdes in Südfrankreich, Fatima in Portugal und Medjugorje im früheren Jugoslawien. Wir beschränken uns nachfolgend auf Lourdes und Fatima.

Lourdes

Aus Lourdes werden insgesamt 18 Erscheinungen berichtet. Sie haben angefangen am 1. Februar 1858, als das 14jährige Mädchen Bernadette Soubirous in einer von Alters her spukverrufenen Höhle von Massabielle plötzlich eine Schau bekam und ihr angeblich Maria in weißer Tracht erschien. Diese Erscheinung, "die schöne Frauengestalt", wie Bernadette Soubirous sagte, schärfte ihr das Beten des Rosenkranzes ein. Dabei wird Maria angerufen, vor Gott für uns einzutreten. Die Verehrung wird also sehr stark auf Maria gelenkt und nicht auf den dreieinigen Gott. Hier liegt eine Erscheinung vor, die vom eigentlichen Zentrum des Glaubens ablenkt, hin zu soteriologischen Nebenzentren (Nebenzentren des Heils).

Dieses Mädchen wurde nicht alt. Sie ist ins Kloster gekommen und hatte da unsagbare Schmerzen, wurde gepeinigt von Angriffen Satans und ist dann dort gestorben. 1933 wurde sie von Papst Pius XI. heilig gesprochen. Diese Angriffe des Teufels, verbunden mit Schmerzen und Krankheiten, sind typisch für etliche katholischen Heiligen und sprechen stark für dämonischen Einfluss (Heiligenverehrung).

Fatima

Die Erscheinungen in Fatima/Portugal begannen im Jahre 1917, inmitten des Ersten Weltkrieges — das ist der zeitliche Zusammenhang und entsprechend sind auch die Prophezeiungen von Fatima zu sehen. Sie hängen mit der Kriegssituation und mit dem Untergang des Zarenreiches zusammen. Und man kann sehr gut erkennen, dass hier auch der Wunsch der Vater des Gedankens ist, denn die ursprünglich zum Teil geheimen Botschaften von Fatima (inzwischen wurden alle veröffentlicht) beziehen sich im wesentlichen auf Krieg, Beendigung des Krieges, Krisen in der Welt und in der Kirche. Vieles davon findet man ja auch schon im Neuen Testament, etwa in der Johannesoffenbarung und in Matthäus 24.

Wie erfolgten diese Erscheinungen? In Fatima sind es drei Kinder gewesen, denen Maria angeblich erschienen ist, und zwar

... "in einem weißen Nebel schwebend, einen wundervollen Wohlgeruch verbreitend, als ´Rosenkranz-Königin`; himmlischer Lichtschnee (der auch fotografiert wurde) rieselte vom blauen Himmel herab" (zit. nach: O. Markmann, Irrtümer der Katholischen Kirche, S. 54).

Die Erscheinung hielt einen Rosenkranz in der Hand. Bei der sechsten Erscheinung geschah das "Sonnenwunder", angeblich von mehr als 70.000 Menschen beobachtet. Die Sonne habe plötzlich einen seltsamen Tanz aufgeführt, die Luft habe vibriert. Man kann sich vorstellen, dass es ein sehr heißer Tag war und es muss irgendeine Himmelserscheinung geschehen sein, wie immer man sich das erklären will. Das wird hier auf diese Marienerscheinungen hingedeutet. Nach diesen Erscheinungen stieß man auf eine Quelle in dem felsigen Boden, die 1921 plötzlich zu sprudeln begonnen habe. Auch das wurde als Erweis der Güte Marias gedeutet. Seither strömen unzählige Pilger nach Fatima, Hunderttausende pro Jahr, die sich dort Heilung erhoffen. Solche Wunder werden dann immer als echt anerkannt, wenn es die Katholische Kirche als mit ihrem Glaubensverständnis vereinbar dokumentiert.

Das Unbiblische, Okkulte der Erscheinung wird vor allem daran deutlich, dass nicht auf Gott im Zentralen hingelenkt wird, sondern auf Maria im katholischen Sinn sowie auf das Beten des Rosenkranzes, also eine magisch-mantische Praktik, gegen die Jesus Christus sagt:

"Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen" (Mt 6,7).

Ferner werden bei den Erscheinungen neue Offenbarungen zuteil, die über die Heilige Schrift hinausgehen (Neuoffenbarung en). Man kann die Erscheinungen erklären als Wichtigtuerei von den Sehern, als Halluzination oder als dämonische Eingebungen, jedoch aus den genannten Gründen keinesfalls als göttliche Offenbarung.

E. Ergebnis

Maria war die Mutter Jesu, aber die Mutter Gottes kann sie nur mit Vorbehalt genannt werden, weil das sehr missverständlich ist. Maria war Jungfrau, aber sie war keine immerwährende Jungfrau, sondern bekam nach der Empfängnis Jesu Christi weitere Kinder. Maria war kein sündloser Übermensch, sondern ebenfalls wie jeder andere der Erbsünde überworfen und kann nur durch Jesus Christus Erlösung erlangen. Die Konstruktion, sie habe rückwirkend sündlos empfangen werden können, findet sich nicht in der Bibel, sondern ist eine gedankliche mariologische Konstruktion. In Römer 5, 12 wird ausdrücklich gesagt, dass der Tod zu allen Menschen durchgedrungen ist, weil sie alle gesündigt haben. Es steht nirgends: "mit Ausnahme von Maria"!

Gott hat Maria begnadet nach Lukas 1, 28. Das ist durchaus zutreffend, aber nicht dadurch, daß er sie vor der Erbsünde Adams bewahrt hätte, sondern indem er sie erwählt hat, seinen Sohn zu gebären. Die Katholische Kirche beruft sich auf Lukas 2, 34-35, wo es über Maria heißt:

"Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und Aufstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird — aber auch durch deine eigene Seele wird ein Schwert durchdringen, damit Überlegungen aus vielen Herzen offenbar werden."

Dieses Schwert sei ein Symbol für Marias Teilhabe am Leiden Christi, wird behauptet. Aber Maria litt nicht für Sünden, sondern es waren Schmerzen des Mitleides. Es war kein Erlösungsleiden, sondern ein Mitleiden mit ihrem Sohn, wie eine Mutter mit ihrem Kind mitempfindet, mittrauert und mitleidet. Mitleidsschmerzen können nicht verwechselt werden mit Erlösungsschmerzen, die hat nur Jesus durchgemacht. Niemals ist Maria für unsere Sünden gestorben, sondern allein der Sohn Gottes.

Im Katholizismus wird Maria geradezu zu einer "Halbgöttin" erhoben. Der Marienkult besitzt manche Ähnlichkeit mit dem Kult der "Himmelskönigin", der in Jer 44 beschrieben und als "Gräuel" von Gott verurteilt wird. Gegen alle Erhebungen der Mutter Jesu über ihre Rolle als gehorsame Magd des Herrn hinaus ist auf das Erste Gebot hinzuweisen:

"Ich bin der Herr dein Gott ... Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!`" (2. Mose 20).

Lothar Gassmann


HANDBUCH ORIENTIERUNG:
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Urheber und Redaktion: Dr. Lothar Gassmann

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