Gott-ist-tot-Theologie

HANDBUCH ORIENTIERUNG: Religionen, Kirchen, Sekten, Weltanschauungen, Esoterik.

1. Entstehung und Motive

Die Gott-ist-tot-Theologie im engeren Sinne entstand in den 60er Jahren des 20. Jhd.s in Amerika und kann als Protest gegen die Oberflächlichkeit, mit der in Amerika von Gott geredet wurde, und gegen den damit verbundenen religiös verbrämten Nationalismus verstanden werden.

Sie richtete sich allem Anschein nach als kultur- und kirchenkritische Bewegung gegen die Civil Religion (Zivilreligion), die das gesellschaftliche Leben legitimieren und stabilisieren und Gott für Ideale der westlichen Welt vereinnahmen sollte. Dagegen wollte die provokante Aussage vom Tode Gottes ein Aufschrei sein. Die Gott-ist-tot-Theologie verdankt sich u. a. einer falsch verstandenen Interpretation D. >Bonhoeffers (1906-1945) und stützt sich vor allem auf dessen Aufzeichnungen aus der Haft, im Gesamtwerk eher eine schmale Basis, und hier vor allem auf seine Aussage von der "nichtreligiösen Interpretation". Weiter verdankt sich die Gott-ist-tot-Theologie der Negation von Religion im christlichen Glauben durch K. Barth (1886-1968) und nicht zu vergessen einer idealisierten Säkularisierung von Politik und Kultur und einer zunehmenden Ablehnung der Metaphysik. Fr. Gogarten (1887-1967) hat die Säkularisierung – völlig zu Unrecht – als ein Anliegen der Reformation betrachtet. Wahrscheinlich hat die herrschende Wohlstandsgesellschaft auch zur Entstehung der Gott-ist-tot-Theologie beigetragen. Als ein Anliegen der Gott-ist-tot-Theologie ist zu betrachten, dass sie mit einer radikalen Kenosis Christi (Selbstentäußerung, vgl. Phil 2,8) ernst machen will. Dabei identifiziert sie den Tod Jesu mit dem Tod Gottes, der damit unwiderruflich erfolgt sei (vgl. D. Sölle, Stellvertretung. Ein Kapitel Theologie nach dem Tode Gottes).

2. Vertreter

Die Vertreter der Gott-ist-tot-Theologie unterscheiden sich voneinander. In der Presse und von kirchlichen und politischen Gegnern wurden sie jedoch als eine Einheit angegriffen. P. M. van Buren radikalisierte, ähnlich wie F. Buri (der eine Entkerygmatisierung betreiben wollte) R. Bultmanns >Entmythologisierungsprogramm. P. M. van Buren betrachtet den Gottesbegriff als nicht verifizierbar und deshalb als sinnlos. Für van Buren besteht die heutige Krise der Theologie darin, "daß das Wort ‚Gott' tot ist" (Reden von Gott in der Sprache der Welt, 1965, 98). G. Vahanian wendet sich gegen die Vereinnahmung Gottes in der Kultur (The Death of God, 1957; dt. Kultur ohne Gott, 1973); er vertritt damit keinen echten Atheismus. R. Bultmann urteilte über dieses Buch: "Das erregendste ... das ich in den letzten Jahren gelesen habe ... eine gewisse Parallele zu Karl Barths ‚Römerbrief''" (R. Bultmann in "Die Zeit" vom 17. 5. 1963). Th. Altizer hingegen vertritt einen echten Atheismus, indem er in Verbindung mit buddhistischen Gedanken die Selbstauflösung Gottes in die Welt hinein bzw. das Sterben Gottes in Jesus zur Erklärung der Auflösung der Dialektik von Heiligem und Profanem macht. Für Th. Altizer ist Gott in unserem Kosmos, unserer Geschichte und unserer Existenz gestorben. W. Hamilton negiert jegliche Offenbarung Gottes an die Menschen. Wie dies bereits bei Th. Altizer geschieht, wird die "radical theology" bei W. Hamilton zur Absage an jeglichen Theismus und zur Forderung "toward the world, wordly life and the neighbor as the bearer of the wordly Jesus". Es geht um die radikale Hinwendung zum Nächsten, wie dies Jesus vorgelebt habe. Der von dem jüdischen Theologen R. L. Rubinstein vertretene Atheismus verblieb für die jüdische Welt als Provokation. In der deutschprachigen Theologie wurde die Gott-ist-tot-Theologie vor allem von H. Braun und D. Sölle vertreten. Für H. Braun ereignet sich Gott in der Mitmenschlichkeit und ist damit kein personales Gegenüber mehr. Bei D. Sölle, einer Schülerin Fr. Gogartens, erleidet Gott durch den Tod Jesu endgültig das Todeslos des Menschen, so dass die Menschen nur noch "atheistisch an Gott glauben" (Buchtitel) können.

3. Wirkung und Beurteilung

Die Gott-ist-tot-Theologie bedeutet eine Absage an alle Metaphysik. Das Kreuz Christi hat keine rechtfertigende Bedeutung mehr und damit kommt ihm keine Heilsbedeutung mehr zu. Es bedeutet lediglich einen ethischen Appell, gemäß dem Vorbild Jesu humanitär zu handeln. Die Christologie, bestenfalls noch als Urbildchristologie zu bezeichnen, ist in Wirklichkeit einem Jesuanismus gewichen. Von Soteriologie kann nicht mehr die Rede sein. Die Eschatologie ist abhanden gekommen. Die Gott-ist-tot-Theologie reduziert sich auf ein Handeln im Hier und Jetzt und vermag keine Hoffnung über den Tod hinaus zu geben. Sie ist in Wirklichkeit nicht Theologie, sondern nur noch Anthropologie und kann, wenn sie ernst genommen wird mit ihrer Proklamation vom Tode Gottes, auch nicht mehr sein. Sie lässt die Menschen in ihrem Unheil. Denn letztlich bedeutet sie >Selbsterlösung. Ein Gott, der definitiv tot ist, kann nicht erlösen. Sie steht gegen das Bekenntnis der Christen, die bekennen, dass Gott lebt und ein Gott des Lebens ist.

4. Gott-ist-tot-Theologie als Symptom der Krise moderner Theologie

In eigentlich wissenschaftlichen theologischen Werken wurde die Gott-ist-tot-Theologie nicht eigens behandelt. Deshalb fand auch zumindest in der deutschsprachigen Theologie so gut wie keine direkte akademische Auseinandersetzung um die Rede vom Tode Gottes statt. Außer von einer Gott-ist-tot-Theologie im beschriebenen Sinne ist von einer solchen in einem weiteren Sinne zu handeln. Unter dieser soll eine solche Theologie verstanden werden, die in ihrer Arbeit ohne Gott auskommt, auch wenn dieser Ausdruck noch vorkommt, sie jedoch unter atheistischen Voraussetzungen arbeitet. K. Bockmühl (Atheismus in der Christenheit. Anfechtung und Überwindung. Die Unwirklichkeit Gottes in Theologie und Kirche, 1969) hat klargemacht: Wenn die reale Offenbarung Gottes in der Geschichte (wir bezeichnen diese als Heilsgeschichte) aufgelöst wird, wird der Gottesbegriff verflüchtigt. In der >existentialen Interpretation der Bibel geht das Evangelium als Evangelium verloren. Daraus erwächst letztlich der Atheismus. Deshalb dürfte W. Pannenberg recht haben, wenn er die "‚Death of God'-Theologen ... die Erben Barths und Bultmanns" nennt (Gottesgedanke und menschliche Freiheit, 1972, 32). Die Gott-ist-tot-Theologie ist zumindest in diesem weiteren Sinne keine Randerscheinung der modernen Theologie, sie folgt nicht allein mit innerer Notwendigkeit aus ihr oder ist in ihr angelegt, sondern sie ist dies bereits im Keime selbst.

Die unbestreitbare Krise des modernen Protestantismus (vgl. H. Frey, Die Krise der Theologie. Historische Kritik und pneumatische Auslegung im Licht der Krise, 1971) könnte nur durch Umkehr zur heilsgeschichtlichen Schau und Anerkennung der Normativität der in der Bibel festgehaltenen Offenbarung Gottes überwunden werden. Die notwendige Korrektur wurde nicht vorgenommen, weil die dafür als notwendig aufgezeigte Position nicht erreicht wurde. Deshalb wurde faktisch gegen die Gott-ist-tot-Theologie nicht all zu viel ausgerichtet und wurde diese praktisch nicht überwunden, sondern existiert in einem weiteren Verständnis fort, auch wenn in der Art, wie sie vor einigen Jahrzehnten artikuliert wurde, nicht mehr viel von ihr die Rede ist und sie in diesem Sinne bereits Theologiegeschichte geworden sein mag.

Auch hat die Gott-ist-tot-Theologie in dem Sinne Bedeutung, dass Gott im Denken des säkularisierten Zeitgenossen zwangsläufig immer weniger vorkommt. Aber wie Menschen Gott auch immer verdrängen, ob durch einen philosophischen oder einen praktischen Atheismus, so bleibt doch abschließend festzuhalten, dass Gott aufgrund seiner göttlichen Natur nicht sterben kann.

S. auch: Atheismus; Apologetik; Blasphemie; Humanismus; Kommunismus; >Existentialismus; Jesus Christus.

Literatur: Außer der bereits im Text genannten: EKL, 3. Aufl. (Neufassung), Bd. 2, Sp. 250 f.; ELThG, Bd 2, S. 800 f.; T. J. J. Altizer / W. Hamilton, Radical Theology and the Death of God, 1966; R. L. Rubinstein. After Auschwitz, 1966; G. Vahanian, Kultur ohne Gott, 1973. – Kritisch: U. Asendorf, Gekreuzigt und Auferstanden. Luthers Herausforderung an die moderne Christologie. Arbeiten zur Geschichte und Theologie des Luthertums, Bd. 25, 1975, 118-138 (zu H. Braun), 161-185 (zu Fr. Gogarten), 185-194 (zu D. Sölle); P. Lönning, Der begreiflich Unbegreifbare,1986.

Walter Rominger


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Urheber und Redaktion: Dr. Lothar Gassmann

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