Chiliasmus

HANDBUCH ORIENTIERUNG: Religionen, Kirchen, Sekten, Weltanschauungen, Esoterik.

Chiliasmus ist die Erwartung des Tausendjährigen Reiches, meist in unmittelbarer zeitlicher Nähe. Chiliastische Gedanken in unterschiedlicher Form kursierten etwa im Mittelalter bei den Joachimisten und in der Reformationszeit bei den Täufern und Anhängern der Müntzerschen und Münsterschen Revolution.

Joachim von Fiore (ca. 1135-1202) und seine Schüler, die Franziskaner-Spiritualen, sprachen in Anknüpfung an die Trinität (Dreieinigkeit) Gottes von drei "status" oder "Weltzeiten": a. der Weltzeit des Vaters oder Zeit des Alten Testaments, die von Adam bis Johannes dem Täufer dauerte; b. der Weltzeit des Sohnes oder "Petruskirche", die sich vom Kommen Christi bis zu Benedikt von Nursia (ca. 480-543 n. Chr.) erstreckte; Chiliasmus der Weltzeit des Geistes oder "Johanneskirche", die mit Benedikt ihren Anfang nahm, aber ihren Höhepunkt um das Jahr 1260 erleben wird. Um diese Zeit sollte das Evangelium den Sieg erringen, eine reine Kirche errichtet werden und eine christianisierte Welt dem wiederkommenden Herrn entgegeneilen. Joachims Lehre wies gewisse Kennzeichen des erst später zu seiner vollen Ausgestaltung gelangenden Postmillennialismus auf.

Auch die meisten Täuferkreise während der Reformationszeit waren von chiliastischen Vorstellungen geprägt. Sie gingen vom Ideal der vorkonstantinischen leidenden und verfolgten Märtyrerkirche aus, die auf die baldige Wiederkunft Christi wartete. Während die gemäßigteren Gruppen die Aufrichtung des Tausendjährigen Reiches vom wiederkommenden Herrn erhofften (Prämillennialismus), versuchten einzelne radikale Kreise (z.B. die Münsteraner Täufer) das Tausendjährige Reich selbst zu errichten und das Kommen Christi aktiv vorzubereiten (Postmillennialismus). Schlimme Auswüchse (Gewaltherrschaft selbsternannter "Propheten" und "Könige", Vielweiberei u.ä.) waren mit übersteigerten chiliastischen Erwartungen im "Täuferreich von Münster" verbunden, die von der Gegenseite blutig niedergeschlagen wurden. Es ist jedoch nicht statthaft, sowohl die Täufer als auch die Vertreter eines zukünftigen Tausendjährigen Reiches mit solchen Auswüchsen "in einen Topf zu werfen", wie es leider in der Kirchengeschichte immer wieder geschah. Denn immerhin ist die Lehre vom Tausendjährigen Reich biblisch verankert (Offb 20) und lässt mancherlei Interpretationen zu.

S. auch: Eschatologie; Täuferisches Kirchenverständnis; >Tausendjähriges Reich.

Lit.: L. Gassmann, Was kommen wird. Eschatologie im 3. Jahrtausend, 2002.

Lothar Gassmann


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Urheber und Redaktion: Dr. Lothar Gassmann

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